Die "Grundsätze und Beschlüsse" des Wartburgfestes von 1817

Heute noch aktuell?

 

von Prof. Dr. Peter Kaupp, Burschenschaft Arminia a.d.B. Jena (1958)

Die Wartburg (Postkarte um 1900)

Kurz nach dem Wartburgfest vom 18. und 19. Oktober, im November 1817 – daran sei an diesem Ort zunächst erinnert –, entwickelten Jenaer Burschenschafter im kleinen Kreis ihre Vorstellungen eines konstitutionell-liberalen Programms zur Errichtung eines bürgerlich-demokratischen Nationalstaates. In einem burschenschaftsinternen wissenschaftlichen Verein in Jena, auf der „Grünen Tanne“, 1815 Gründungsstätte der Urburschenschaft, wurden die Ergebnisse des Wartburgfestes kontrovers diskutiert. Zu den Mitgliedern dieses Vereins gehörte Heinrich von Gagern, der spätere erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung. Der mäßigende Einfluss des liberalen Jenaer Philosophieprofessors Heinrich Luden ist deutlich zu erkennen. Das Ergebnis dieser Beratungen und damit wohl das wichtigste Resultat dieses ersten deutschen Nationalfestes waren die „Grundsätze und Beschlüsse des achtzehnten Oktobers [1817], gemeinsam beraten, reiflich erwogen, einmütig bekannt und den studierenden Brüdern auf andern Hochschulen zur Annahme, dem gesamten Vaterlande aber zur Würdigung vorgelegt von den Studierenden zu Jena“1.

Das Vorsteherkollegium der Jenaischen Burschenschaft lehnte es von vornherein ab, „solche Gegenstände zur Beratung zu bringen, weil die Burschenschaft als solche sich mit politischen Fragen nicht zu befassen habe“ – eine Frage, die durchaus heute noch aktuell ist. Den Radikalen gingen die Forderungen nicht weit genug, die Gemäßigten hielten sie für zu weitgehend. Im Januar 1818 wurden sie auf einer allgemeinen Studentenversammlung in Jena zur Abstimmung gestellt. Karl Herrmann Scheidler, Mitgründer der Burschenschaft 1815, warnte: „Ich gebe Euch das Eine zu bedenken: wenn Ihr das unterschreibt, so kriegt Ihr künftig keine Stellen.“

„Wie viele kamen zum unterschreiben?“, fragt Heinrich Herrmann Riemann, wie Scheidler 1815 Mitgründer der Burschenschaft, rückblickend, „Nicht siebenzigmal sieben, nein, die einfache, wunderliche Primzahl sieben“. Die Folge war, dass die „Grundsätze und Beschlüsse“ von der Jenaer Burschenschaft nicht offiziell verabschiedet wurden. Sie blieben unveröffentlicht, wurden aber durch viele Abschriften von Gleichgesinnten heimlich in ganz Deutschland verbreitet und bald – über studentische Forderungen hinaus – zu einem ersten geschlossenen Programm des deutschen Liberalismus und zu einem wichtigen Anstoß für den deutschen Verfassungsstaat. Gefordert wurden vor allem die Menschen- und Bürgerrechte. Fast wie eine Präambel wird im Grundsatz Nr. 1 des Wartburgprogramms die Einheit Deutschlands gefordert: „Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben. Je mehr die Deutschen durch verschiedene Staaten getrennt sind, desto heiliger ist die Pflicht für jeden frommen und edlen deutschen Mann und Jüngling, dahin zu streben, daß die Einheit nicht verloren gehe und das Vaterland nicht verschwinde.“2

Mit Recht konnte sich die Burschenschaft 1989-1990, als die Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung (genauer: Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland) bis tief ins bürgerliche Lager geschwunden, ja zum Teil abgelehnt wurden, darauf berufen. Zutreffend hat der Verfassungshistoriker Ernst Rudolf Huber die „Grundsätze und Beschlüsse“ von 1817 als „eigentlich das erste deutsche Parteiprogramm“ bezeichnet. „Es ist dies die erste programmatische Zusammenstellung der Leitgedanken des liberalen Nationalismus in Deutschland. Im Grunde änderte sich bis 1848 und auch darüber hinaus an diesem ... liberal-nationalen Programm nichts mehr“3. Verfassungsgeschichtlich waren die „Grundsätze und Beschlüsse“, so Huber, „die erste Manifestation des nationaldemokratischen Prinzips in Deutschland“4. Die programmatischen „Grundsätze und Beschlüsse“ von 1817 flossen, wie noch zu zeigen sein wird, teilweise wörtlich, in die Paulskirchenverfassung von 1849, in die Weimarer Verfassung von 1919 und in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949 ein.

Lassen Sie mich zunächst die grundsätzliche, heute noch oder wieder, und gerade im Vorfeld der Gründung eines neuen liberalen burschenschaftlichen Dachverbandes und seines Regelwerks relevante Frage aufgreifen, die auch schon die 1817 auf dem Wartburgfest versammelten Burschenschafter beschäftigt hat: Soll man sich als Student und Burschenschafter nur politisch bilden und erziehen, sich also für das spätere berufliche und staatsbürgerliche Leben vorbereiten? Oder darf, soll und muss man nicht schon als Burschenschafter politisch Stellung beziehen oder gar selbst aktiv gestaltend politisch Einfluss nehmen? Diese Fragen wurden schon in der frühen Burschenschaft kontrovers diskutiert und entschieden, radikalen Revolutionären standen gemäßigte Reformer gegenüber.

In ihrer ganz überwiegenden Mehrheit stehen Burschenschafter heute auf dem Boden einer freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsordnung und suchen ihre Mitglieder zu verantwortungsbewussten demokratischen Staatsbürgern zu erziehen. Angesichts der Staatsverdrossenheit und der sinkenden Wahlbeteiligungen ist das eine durchaus zentrale Aufgabe. Dabei ist, wie ich glaube, die Burschenschaft nicht mit einer Partei, mit einem bestimmten Parteiprogramm zu verwechseln. Wir sollten unsere Mitglieder vielmehr zu aktiver Mitarbeit in allen auf dem Boden des Grundgesetzes stehenden Parteien erziehen („Erziehungs-“ statt „Handlungsgemeinschaft“). Kenner der burschenschaftlichen Geschichte mögen darin ein Bekennntis zur „arministischen“ statt zur „germanistischen“ Richtung erkennen.

Vom schwärmerischen zeitbedingten sprachlichen Pathos ihrer jugendlichen Verfasser befreit, enthalten die burschenschaftlichen „Grundsätze und Beschlüsse“ von 1817 durchaus heute noch aktuelle und beherzigenswerte Forderungen. Man muss, um einen Wegweiser in die Zukunft zu finden, nicht immer das Rad neu erfinden. Dabei waren sich die Teilnehmer des Wartburgfestes von 1817 durchaus ihrer Grenzen bewusst: Wir „geben unsere Grundsätze nicht, um als Lehrer aufzutreten, noch weniger, um sie andern aufzudrängen, sondern wir geben sie, um uns vor dem Vaterlande zu rechtfertigen ... Wir halten, was wir geben, keineswegs für unfehlbar und ebenso wenig für vollständig“; aber es ist, fügten sie nicht ohne Stolz hinzu, „das Beste, was wir bisher durch Lehre und Leben zu gewinnen imstande gewesen sind“. Im Übrigen forderten sie ausdrücklich dazu auf, „das Fehlende zu ergänzen, das Irrige zu berichtigen, das Falsche zu widerlegen“5.

Unübersehbar ist zunächst die soziale Komponente: „Wir wollen uns der untersten Klassen der Gesellschaft um so lebendiger annehmen, je tiefer sie im Elende sind“6. Der Appell an die Studierenden, nicht dünkelhaft die Bodenhaftung zu weniger Privilegierten zu verlieren, ist durchaus aktuell. Das gilt auch für Grundsatz 5: „Die Lehre von der Spaltung Deutschlands in Norddeutschland und Süddeutschland ist irrig, falsch, verrucht. Es ist eine Lehre von einem bösen Feinde ausgegangen“. Heute würden wir dafür vielleicht „Ost-“ und „Westdeutschland“ sagen und „Ossis“ und „Wessis“ meinen. Es gibt aber nur ein Ostdeutschland und ein Westdeutschland „wie es eine rechte und eine linke Seite am Menschen gibt. Aber der Mensch ist eins und hat nur einen Sinn und ein Herz, und Deutschland ist eins und soll nur einen Sinn und ein Herz haben ... Alle Deutsche sind Brüder und sollen Freunde sein“7.

Grundsatz 10 enthält, auf die heutige Bundesrepublik Deutschland übertragen, vor dem Hintergrund unserer negativen Erfahrungen mit Berufsheeren, ein Bekenntnis zum „Bürger in Uniform“: „Feste Sicherheit kann ein Staat nur in seinen Bürgern finden. Der Soldatengeist kann hohen Ruhm erlangen, aber bleibende Ehre gewinnt nur der Bürgersinn. Der Soldatengeist mag zu kühnen Taten treiben; aber der wahre Heldenmut ... geht nur aus echtem Bürgersinn hervor“8.

Privilegien Einzelner hielten die Teilnehmer des Wartburgfestes von 1817 für inakzeptabel: „Vorrechte sind mit der Gerechtigkeit unvereinbar. Wo es Bevorrechtigte gibt, da muss es auch Beeinträchtigte geben. Dem Recht muß die Pflicht gegenüberstehen. Größere Rechte können im Staate nur diejenigen haben, die größere Pflichten haben.“9 Auch dieses Gebot zum sozialen Frieden ist heute noch relevant.

Belege für Antisemitismus-Vorwürfe bieten übrigens weder das Wartburgfest noch die „Grundsätze und Beschlüsse“ von 1817. Dass außerhalb des offiziellen Programms auf dem nahen Wartenberg von einigen Jahn-Jüngern auch Schriften (genauer: entsprechend gekennzeichnete Makulaturballen; Bücher wären zu teuer gewesen) des jüdischen Publizisten Saul Ascher verbrannt wurden, geschah nicht, weil dieser Jude war, sondern weil er sich erdreistet hatte, die deutschtümelnden Burschenschafter zu verspotten.

Wie von vielen Historikern geflissentlich übersehen, selbst vielen Verfassungshistorikern wenig bekannt und von Helma Brunck aufgezeigt, haben die programmatischen „Grundsätze und Beschlüsse“ von 1817 zum Teil wörtlich in die Paulskirchenverfassung von 1849, in die Weimarer Verfassung von 1919 und in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949 Eingang gefunden. Das soll durch vorangegangene Tabelle abschließend anhand von einigen ausgewählten Grundrechten knapp belegt werden.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die „Grundsätze und Beschlüsse des Wartburgfestes“ von 1817 neben zeitbedingten und deshalb heute nicht mehr relevanten Aussagen durchaus Aspekte enthalten, die heute jenseits der Verbandsstrukturen für alle Burschenschafter und Burschenschaften durchaus von Bedeutung sind.

 

 

 

 

 

Vortrag gehalten auf dem NeueDB-Symposium vom 3. Oktober 2015 in Jena

 


QUELLENANGABEN

Quellenkritischer Abdruck bei Hans Ehrenteich, Heinrich Luden und sein Einfluß auf die Burschenschaft, in: Quellen und Darstellungen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Bd. 4 (1913), Neuauflage 1966, S. 109-129. Vgl. außerdem „Aller Welt zum erfreulichen Beispiel“. Das Wartburgfest von 1817 und seine Auswirkungen auf die deutschen Verfassungen, in: Einst und Jetzt, Bd. 48, 2003, S. 189-203.
1 Grundsatz 1, Ehrentreich S. 117.
2 Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 1, 2. Aufl. (1967), S. 722.
3 Ebd. S. 718.
4 Ehrentreich S. 117.
5 Ebd. S. 128.
6 Grundsatz 5 und 7, ebd. S. 118.
7 Ebd. S. 119.
8 Ebd. S. 123.
9 Vgl. Helma Brunck, Von der Wartburgfeier über die Paulskirche zum Grundgesetz. Ein Rechtsvergleich mit Beispielen, in: Burschenschaftliche Blätter, Heft 1 (1999), S. 9-14.


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erschienen in: academicus 39, November 2015