Die gesellschaftlichen Ziele der Urburschenschaft und ihr Einfluss auf unser Staatswesen

Teil 1

 

von Dr. Helma Brunck

Schwarz-Rot-Gold – hier die „Fahne der Einheit“ vor dem Bundestag – ist auf die Uniformfarben des Lützowschen Freikorps zurückzuführen. (Foto: Berthold Werner)

Der Einfluss der am 12. Juni 1815 in Jena gegründeten Urburschenschaft auf das nationale Bewusstsein der Deutschen und auf ihren Einheits- und Freiheitswillen ist nicht zu unterschätzen! Man kann sogar behaupten, dass die Burschenschaften im Grunde dieses Bewusstsein erst geschaffen haben. Sie wären wohl nie so einfluss­reich geworden, hätte nicht schon davor ein so genanntes Netzwerk existiert. Dieses „Netz sich zunehmend verdichtender Kommunikation, die ganz wesentlich durch das liberal-nationale Ideengut der Professoren geprägt war“ (so der Jenaer Historiker Klaus Ries1), bewährte sich bereits während der Befreiungskriege und wurde danach immer enger. Professoren und Studenten kämpften mit der gleichen national-politischen Zielsetzung und die junge Generation lernte – ähnlich wie 100 Jahre später – im Jahr 1813 statt des feuchtfröhlichen Studentendaseins eine andere, nämlich die sehr ernste Seite des Lebens kennen. Neu bei der Burschenschaft war dabei weniger die Umbildung des studentischen Lebens, denn schon davor existierende Landsmannschaften hatten Reformen eingeleitet. Sie fühlte sich eher verpflichtet, das Volk und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen, die Erziehung von freien, sittlichen und opferbereiten Persönlichkeiten sowie die Überwindung des Partikularismus in ihren Mittelpunkt zu stellen.2

Das geht in vielen Bereichen sinngemäß auch aus der Verfassungsurkunde der Jenaischen Burschenschaft vom 12. Juni 1815 hervor3. Schon früh begriffen Burschenschafter, wie wichtig es ist, sich in Zeiten größter Angreifbarkeit und der daraus folgenden Krisen für sein Vaterland einzusetzen. So entstand einer der für die Burschenschaft bis heute verinnerlichten Wertbegriffe: das Vaterland. Die Liebe zum Vaterland bedeutete jedoch nicht eine totale Abgrenzung gegen das übrige Europa. Im Gegenteil: Viele damalige Burschenschafter waren bereit, von anderen europäischen Staaten zu lernen und nahmen sich auch Frankreich bzw. die Französische Revolution vor allem im Hinblick auf Menschen- und Freiheitsrechte zum Vorbild, um eigene liberale Ideen zu entwickeln. Das übrige Europa hatten sie stets im Blick und dachten an Konföderation, an Freiheit und Gleichheit. Das gilt nicht nur für den der Burschenschaft damals nahestehenden Dichter Georg Büchner, einen Verehrer der Französischen Revolution, sondern auch für Karl Heinrich Brüggemann und Johann Georg August Wirth, die solches in ihren Reden auf dem Hambacher Fest 1832 nachhaltig betonten4.

Weiterhin galt es, für die Freiheit zu kämpfen. Gerade die damalige politische Lage verdeutlichte die Brisanz, Deutschland von der napoleonischen Fremdherrschaft zu befreien und endlich zu einem geeinten deutschen Nationalstaat zusammenzuführen. Freiheit erstarkte bis auf den heutigen Tag zu einem Wertbegriff, der gleichzeitig in alle sozialen Schichten einfloss. Nach der Gründung des Deutschen Bundes 1815 bestand in Deutschland keinesfalls die optimale Regierungsform schlechthin, sondern diese lief nach spätabsolutistischen Mustern ab. Selbstherrliche Souveräne unterdrückten das Volk in seiner Freiheit und Meinungsbildung. Eine Einheit Deutschlands lag in weiter Ferne, stattdessen bestand seit 1806 im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten immer noch ein nationales Vakuum. Die Deutschen hatten natürlich Nachholbedarf, wollten gleichberechtigt sein, ohne sich über andere Völker zu erheben5. Die politische Professoren- und Studentenschaft wuchs in dieser Erkenntnis zu einer Kommunikationsgemeinschaft zusammen, die vor allem liberal-nationale Ideen aufgriff und fortentwickelte. So entstand die Urburschenschaft, „die Avantgarde der deutschen Nationalbewegung“6, geprägt vom Geist christlicher Erweckung. Mit ihrer Gründung wurde gleichzeitig ein Markstein auf dem Weg zur politischen Parteibildung in Deutschland gesetzt7. Vor allem waren jedoch die Professoren und nicht die Studierende die entscheidenden „Motoren“ der politischen Parteibildung in Deutschland. Denn die Burschenschafter verfolgten einen nationalliberalen politischen Grundkurs, verwarfen jedoch offiziell – auch mehr als 100 Jahre später – jegliche Parteipolitik.

Als dritter wichtiger Wertbegriff zählt bis heute die Ehre. Burschenschafter hatten hohe moralische Ziele und wollten sich bewusst von den partikularistisch orientierten, durch Pennalismus und Duellwesen geprägten Landsmannschaften abgrenzen. In der Präambel der Jenaer Verfassungsurkunde wurde die zentrale Bedeutung der studentischen Ehre betont: „Freiheit und Ehre sind die Grundtriebe des Burschenlebens“ und „das Selbstgefühl ist die Wurzel der Ehre“8. Der burschenschaftliche Wahlspruch lautete zunächst: „Dem Biedern Ehre und Achtung“. Am 18. März 1816 wurde dieser durch „Ehre – Freiheit – Vaterland“ ersetzt und gilt bis heute. Bei der NeuenDB lautet er: „Freiheit – Ehre – Vaterland“.


DIE MENTOREN DER ERSTEN BURSCHENSCHAFTER

Bereits im Jahr 1806 lag ein Plan zur Gründung einer Burschenschaft vor, aber damals noch zu früh und nicht in ausgereifter Form. So bekundete es Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), der deutsche „Turnvater“, in seinen Vorlesungen über das „Deutsche Volksthum“ – bestätigt durch Robert Wesselhöft, der die zweite Gründergeneration anführte. Das Debakel von Jena und Auerstädt wurde erst gar nicht abgewartet, denn der Untergang des Alten Reiches zog eine so genannte „Endzeitstimmung“ und den Ruf nach einem Neubeginn nach sich. Die „Erneuerung“ des Reichs im Kleinen, im akademischen Milieu war – so die neuere Forschung – bereits die Vision der Burschenschaftsgründer seit 18069. Die nationalen Ideen kamen gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf als Folge der Fremdherrschaft und Fremdbestimmung im Zuge der Französischen Revolution, waren aber in erster Linie antifranzösisch.

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) war zunächst der wichtigste Mentor der jungen Generation. In seinen „Reden an die deutsche Nation“ von 1807/1808 versuchte er, die Jugend zu einer Vaterlandsliebe zu motivieren, die sie zur Vorbereitung der Gründung eines Nationalstaates befähigen würde. Dennoch lehnte Fichte den von Friedrich Friesen und Friedrich Ludwig Jahn vorgelegten Entwurf einer „Ordnung und Einrichtung der Deutschen Burschenschaft“ im Jahr 1812 ab. So kam es, dass nicht Berlin, sondern Jena der Gründungsort der Burschenschaft wurde. Fichtes Idee war, ein Nationalgefühl zu wecken mit dem Ziel eines deutschen Nationalstaates, der die Nachfolge des erloschenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation antreten und sich von der französischen Herrschaft emanzipieren sollte. Nur die Deutschen – so Fichte – hätten eine reine Sprache und wären zu tiefen und gründlichen Überlegungen fähig. Fichte forderte außerdem eine autarke Handelspolitik, eine allgemeine Wehrpflicht und eine Nationalerziehung, die die Freiheit des Willens gänzlich einschränkt, um den Einzelnen in ihrem Sinne zu formen. Fichte konnte jedoch die Korporationen, also auch die ersten Burschenschafter, nicht als Motor eines nationalen Zusammenschlusses anerkennen. Er hielt den Zeitpunkt noch für verfrüht, die jungen Studenten hielt er für sittlich nicht reif genug, um dem Land eine neue, breit aufgestellte nationale Basis zu verleihen. Erst den eigentlichen Mentoren der Burschenschaften, den Professoren Ernst Moritz Arndt, Heinrich Luden, Lorenz Oken, Jakob Friedrich Fries, Dietrich Georg von Kieser und natürlich auch Friedrich Ludwig Jahn, gelang dies, obwohl Fichte, um Klaus Ries zu folgen, natürlich der „Vater des Burschenschaftsgedankens“ war10.

Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) schuf nicht nur 1811 den ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide, wodurch er zum Initiator der deutschen Turnbewegung, aber auch der frühen deutschen Nationalbewegung wurde. Er war auch ein Anhänger des Unitistenordens. Mit dem Turnen verband er hohe moralische Ziele, aber auch völkischen Nationalismus. Über 150 Turnplätze waren bis 1819 entstanden. Nicht nur für die Leibeserziehung, sondern auch für die Pflege der deutschen Muttersprache stand sein Name11. Vor allem er motivierte die junge Generation dazu, als Freiwillige an den Befreiungskriegen teilzunehmen. Diese bewährten sich 1813 im Lützower Freikorps, in dem er selbst einer der Kommandanten war. Als Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung hielt er später in der Frankfurter Paulskirche die so genannte „Schwanenrede“, in der er sich voll und ganz zur deutschen Einheit bekannte.

Sehr einflussreich war der Dichter, Freiheitskämpfer und Historiker Ernst Moritz Arndt (1769-1860), später auch Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. Er war ein sehr gläubiger Protestant und galt als Patriot in schwierigen Zeiten mit demokratischen Denkanstößen, andererseits aber auch als Nationalist und Antisemit. Arndt war einer der bedeutendsten Lyriker der Befreiungskriege und stand so bei der jungen Generation in hohem Ansehen. Berühmtheit erlangte sein Gedicht „Was ist des Deutschen Vaterland?“. Darin kommt besonders seine antifranzösische Haltung zum Vorschein. Ein spiritus rector der Urburschenschaft war der Jenaer Historiker Heinrich Luden (1778-1847), seit 1806 Professor in Jena12. Er galt als Viel- und Schnellschreiber, vor allem seit der Herausgabe seiner politischen Zeitschrift „Nemesis“ unter Mitarbeit von Arndt, Schlegel und der Philosophen Jacobi und Feuerbach. Ludens Thesen waren nicht radikal-demokratisch oppositionell. Sein Organ „Nemesis“ war eher als ein frühliberales Diskussionsforum zu verstehen. Luden war ein Mann der Mitte. Er wollte den Deutschen, vor allem der jungen Generation klarmachen, dass die Deutschen „von einem Geiste der Ordnung, der Mäßigung, der Besonnenheit und Tapferkeit durchdrungen“ und „sich eng aneinanderschließen“ würden. Zur damaligen Zeit plädierte er sogar noch für Fürstentreue, damit „aus allen Gliedern ein Leib entstehe“. Außerdem war Luden stets um eine breite Öffentlichkeit bemüht, damit jeder vom politischen Zustand in Deutschland erfahre13. Nach ihm ist der Heinrich-Luden-Preis der NeuenDB für gute akademische Leistungen bei gleichzeitig hohem burschenschaftlichem und gesellschaftlichem Engagement benannt.

Einer der Hauptakteure der Burschenschaftlichen Bewegung und auch des Wartburgfestes 1817 war der Philosoph Jakob Friedrich Fries (1773-1843), der in Heidelberg und in Jena lehrte. Er galt als widersprüchlich und radikal. Einerseits setzte er sich für eine liberale Verfassung, für Freiheit des Individuums, für Recht und Gerechtigkeit, zum Teil sogar für „Gleichheit“ aller Gesellschaftsmitglieder ein, andererseits galt er als einer der „führenden Köpfe einer ganzen Ideologie“, womit der Antisemitismus gemeint war14. Er plädierte für einen föderativen Reichsstaat, ein stärker als zuvor zentralisiertes Reich unter Wahrung einzelstaatlicher Souveränität und verfocht die konstitutionelle Monarchie. Der Naturforscher und Publizist Lorenz Oken (1779-1851) galt als besonders radikaler Vorkämpfer individueller Grund- und Freiheitsrechte, als Repräsentant der „konstitutionell-fortschrittlichen“ Richtung des deutschen Frühliberalismus15. Der „romantische“ Mediziner und damals sehr fortschrittliche Psychiater Dietrich Georg von Kieser (1779-1862) war Anhänger der Jahn’schen Turnbewegung und hatte gemeinsam mit Luden in Jena den Turnverein ins Leben gerufen16. Kieser war 1817 Wartburgfestteilnehmer und auch sonst politisch sehr aktiv. Als Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Weimar nahm er 1848 am Frankfurter Vorparlament teil. Diese genannten Persönlichkeiten prägten sehr nachhaltig das politische Bewusstsein der Burschenschafter zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Deutlich radikaler als die Jenaer Studenten waren die Studierenden in Gießen. Es lag an den jeweiligen Landesvätern, denn Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach galt als fortschrittlich und hielt an seiner aufgeklärt-liberalen Herrschaftspolitik bis zur Frühkonstitutionalisierung fest. Anders, nämlich noch vollkommen absolutistisch, regierte Großherzog Ludwig I. von Hessen, in dessen Herrschaftsgebiet Gießen damals lag, und unterdrückte gesellschaftliche Bewegungen. Daher hatten die Gießener Schwarzen unter dem Einfluss der Gebrüder Follen nicht nur sehr hohe moralische Ziele, sondern sie setzten sich auch unermüdlich für soziale Gerechtigkeit ein.

Fortsetzung im nächsten academicus

 

Vortrag gehalten auf dem NeueDB-Symposium vom 3. Oktober 2015 in Jena

 


QUELLENANGABEN


1 Ries, Klaus: Burschenturner, politische Professoren und die Entstehung einer neuen Öffentlichkeit, in: Brunck, Helma/Lönnecker, Harald/Oldenhage, Klaus (Hg.):  „…ein großes Ganzes…, wenn auch verschieden in seinen Teilen“. Beiträge zur Geschichte der Burschenschaft (DuQ 19), Heidelberg 2012, S. 1-123, hier S. 1. Vgl. Lönnecker, Harald: Die Burschenschaft im ersten Halbjahrhundert ihres Bestehens, in: BBl 2/2015, S. 53-59, hier S. 56.
2 Kaupp, Peter: Die Gründer der Burschenschaft Carl Horn, Heinrich Riemann, Carl Scheidler, in: academicus, 38. Ausgabe, 18. Jahrgang, Sommersemester 2015, S. 8-13, hier S. 10: Der Ursprung der Burschenschaft.
3 Zur Verfassungsurkunde der Jenaischen Burschenschaft vom 12. Juni 1815 vgl. Handbuch der Deutschen Burschenschaft, Ausgabe 2005 zum 190. Jahrestag der Burschenschaft, Stuttgart/Memmingen 2005, S. 4-6.
4 Oldenhage, Klaus: Burschenschaft und Europa. Eine historisch-politische Betrachtung, in: 200 Jahre burschenschaftliche Bewegung in Gießen, Dokumentation der Jubiläumsveranstaltung und Arbeitstagung der örtlichen Burschenschaft Gießen am 24. und 25. Oktober 2014, Gießen 2014, S. 45 f.
5 Oldenhage, Burschenschaft und Europa (s. Anm. 4), S.  44.
6 Lönnecker, Harald: „...das deutsche Volk in der Zeit tiefer nationaler Erniedrigung aufzurütteln, für ein einiges und freies deut-
sches Vaterland zu begeistern und gegen innere und äußere Bedränger anzuführen“ – Die Burschenschaft der  Ostmark (BdO) und ihre Vorläufer 1889-1919, in: Brunck/Lönnecker/Oldenhage, „…ein großes Ganzes…,“  (s. Anm. 1), S. 516-630, hier S. 516.
7 Ries, Burschenturner (s. Anm. 1), S. 4.
8 Haupt, Herman: Die Verfassungsurkunde der Jenaischen Burschenschaft vom 12. Juni  1815, in: ders. (Hg.): Quellen und Darstellungen (QuD), Bd. 1, Heidelberg 1910, 2. Aufl. 1966, S. 114-161, hier S. 118 ff.
9 Ries, Burschenturner (s. Anm. 1), S. 8 f.
10 Ebd., S. 12.
11 Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum. Mit einem Vorwort von Gerhard Fricke, Leipzig 1936; ders.:  Die Deutsche Turnkunst zur Einrichtung der Turnplätze, dargestellt von F. L. Jahn und Ernst Eiselen nach der Originalausgabe, Berlin 1936.
12 Ries, Burschenturner (siehe Anm. 1), S. 14 ff.
13 Dazu ausführlich: Ries, Klaus: Wort und Tat. Das politische Professorentum der Universität Jena im frühen 19. Jahrhundert. Pallas Athene, Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Bd. 20,  Stuttgart 2007, S. 230-257.
14 Ebd., S. 262-264.
15  Ebd., S. 240-257, hier insbesondere S. 250 f.
16 Ebd., S. 27, 40, 184, 196 f.

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erschienen in: academicus 39, November 2015