Gleichheit? Freiheit!

Annäherung an einen burschenschaftlichen Begriff der Bildungschancengerechtigkeit

 

von Dr. Michael Hinz, Burschenschaft Arminia Marburg (1987)

Sehr geehrte Herren Burschenschafter, liebe Verbands- und Bundesbrüder, sehr geehrte Damen und Herren, um es gleich vorwegzunehmen: Meine Ausführungen werden den Erwartungen, die sich aus dem Titel ableiten lassen, nicht gerecht werden können. Ich bin kein Historiker, so dass ich über die Ausprägung und Entwicklung einzelner burschenschaftlicher Werte im Laufe wechselnder geschichtlicher Kontexte nicht wirklich fundiert sprechen kann. Ich bin auch kein Philosoph, so dass auch eine theoretische Auseinandersetzung mit Gerechtigkeitsbegriffen nur laienhaft wäre. Und wer etwas „aus unseren Reihen“ zum Thema Bildungsgerechtigkeit allgemein erfahren möchte, der sei auf die hervorragenden wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Publikationen von Herrn Farbenbruder Axel-Bernd Kunze (Leipziger B! Alemannia zu Bamberg) verwiesen.

Worüber ich mit einer gewissen Berechtigung sprechen kann, ist die Situation des deutschen Bildungs- und insbesondere Hochschulsystems und der deutschen Hochschulen im Zeitalter von Bologna und sicher auch darüber, wie dies mit Fragen zur Bildungschancengerechtigkeit in Verbindung steht.

Ich möchte Ihnen im Folgenden einige Anregungen zur Diskussion geben und im Hinblick darauf, dass Burschenschaften akademische Verbindungen waren und sind, drei zentrale Fragestellungen mitschwingen lassen:

 

  • Wofür steht das deutsche Hochschulsystem nach Bologna und ist dies wünschenswert?
  • Welche Rolle spielen Freiheit und Gleichheit bei der Ausgestaltung eines Hochschulsystems unter besonderer Berücksichtigung des Hochschulzugangs?
  • Kann man Bildungschancengerechtigkeit an einem bestimmten Prozentanteil von Akademikerinnen und Akademikern an der Gesamtbevölkerung bzw. von Studierenden an einem Jahrgang festmachen?

 Dabei werde ich an einigen Stellen versuchen, Bezugspunkte in der Universitätsgeschichte des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts und damit der Zeit auch der Gründung der Urburschenschaft aufzugreifen1.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass in den deutschen Staaten Studieren an der Universität in den Jahren um das Gründungsjahr der Urburschenschaft herum etwas sehr Exklusives und somit Elitäres war. Selbst am Ende von gut zwei Jahrzehnten eines bemerkenswerten Bildungswachstums kamen um 1830 – bei aller Vorsicht, mit der Zahlen aus dieser Zeit zu nennen sind – wohl nicht mehr als 55 Studierende auf 100.000 Einwohner, was insgesamt etwa 16.000 Studierenden entsprach. Rechnet man den Anteil auf das heutige Deutschland mit gut 80 Mio. Einwohnern um, käme man auf insgesamt lediglich 44.000 Studierende, das ist gut die Zahl derjenigen, die heute an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster studieren.

Die Gesamtstudierendenzahl in Deutschland beträgt heute tatsächlich ca. 2,7 Mio., davon knapp 2/3 an den Universitäten, d.h. allein die Studierenden an den Universitäten ergeben eine Quote von 2.125 pro 100.000 Einwohner.

Auch zu zwei weiteren Aspekten, die später bei der aktuellen Diskussion noch eine Rolle spielen werden, möchte ich im Hinblick auf die Situation vor 200 Jahren noch kurz eingehen: den Hochschulzugang und die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft.

Die Gründung der Urburschenschaft fällt in einen Zeitraum, in dem der Hochschulzugang einem grundlegenden Wandel unterworfen war. Noch um 1800 wurden ca. 50 Prozent der Studierenden nicht an humanistischen Gymnasien, sondern an Realanstalten, d.h. an höheren Knabenschulen ohne oder mit einem deutlich geringeren Lehrvolumen an Latein und Griechisch, bzw. individuell durch Tutoren auf das Studium vorbereitet. Ein halbes Jahrhundert später kamen 90 Prozent aller Studierenden vom Gymnasium, das damit seine zentrale Rolle als monopolistischer Filter vor der Universität gefunden hatte.

Zu über 50 Prozent waren die Studierenden Akademikersöhne, d.h. die Gebildeten rekrutierten sich zu einem substantiellen Teil aus sich selbst. Dabei überwogen deutlich die Kinder höherer Beamter gegenüber den Kindern der Inhaber freier Berufe. Etwa 15 Prozent der Studenten kamen aus dem sog. Besitzbürgertum, obwohl dieses in der Bevölkerung mindestens so stark wie die Akademiker vertreten war. Gut 25 Prozent der Studierenden stammten aus dem Kleinbürgertum, hier überwogen die Kinder der Handwerker, Bauern und Kaufleute, die der nichtakademischen Beamten und Angestellten. Die unterste Schicht der Tagelöhner und Arbeiter war allenfalls mit einem Prozent an der der Studentenschaft vertreten.

Wählt man eine andere Kategorisierung und betrachtet in dieser die adligen Studierenden, so machte deren Anteil – im Einzelfall allerdings stark abhängig von der jeweiligen Universität – im Übrigen im Schnitt kaum zehn Prozent aus; die Universität des begonnenen 19. Jahrhunderts war also eine deutlich bürgerliche Institution.

Was die Urburschenschaft betrifft: Zwar postulierte sie die „Einheit, Freiheit und Gleichheit aller Burschen untereinander“, daraus lässt sich aber wohl kaum ableiten, dass sie Vorkämpferin für eine höhere Bildungsbeteiligung der bildungsfernen Schichten der Tagelöhner und Arbeiter war, sich für das Frauenstudium eingesetzt hat oder sich überwiegend aus dem Kleinbürgertum rekrutierte.

Man könnte allenfalls von der bildungsbürgerlichen Alternative zur traditionellen studentischen Verbindungselite des Adels, der hohen Beamten und der Besitzbürger sprechen. Die nach außen gerichteten zentralen Werte der Urburschenschaft waren Einheit und Freiheit und blieben dies auch in den nächsten Jahrzehnten burschenschaftlicher Geschichte. Vielleicht hatten einige der Urburschenschafter ja Goethe, im Übrigen in Weimarer Diensten einige Zeit zuständiger Minister für die Jenaer Universität, gelesen, der im Hinblick auf das „liberté, égalité, fraternité“ der Französischen Revolution schrieb, was meiner Meinung nach heute noch bedenkenswert ist: „Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.“

Blicken wir wieder auf das Jahr 2015: Die Zahl der Studierten und Studierenden ist in den vergangenen 50 Jahren exorbitant gestiegen, in der alten Bundesrepublik in einem ersten Schub durch die Bildungsexpansion der ausgehenden 1960er und 1970er Jahre, in der ehemaligen DDR nach der deutschen Einheit 1990. Heute studieren etwa genauso viele Frauen wie Männer.

Zunächst einmal ist ein deutlich höherer Akademisierungsgrad als in der Bundesrepublik bis in die 1960er Jahre hinein bzw. in der DDR bis zu ihrem Ende natürlich grundsätzlich begrüßenswert, denn er ist unabhängig von dem Aspekt der individuellen Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverwirklichung dem Grunde nach ein wesentlicher Schlüssel für unseren Wohlstand wie unsere Zukunftsfähigkeit. Dies soll aber den Blick auf einige negative Aspekte der Entwicklung nicht verstellen2.

Zunächst noch einige ergänzende Zahlen: Der Anteil derjenigen eines Jahrgangs, die eine Hochschulreife, überwiegend die allgemeine Hochschulreife durch das Abitur, erwerben, beträgt mittlerweile fast 50 Prozent, womit er sich seit 1992 noch einmal verdoppelt hat. Warum wir heute, manchmal bewusst, oft auch unbewusst, weniger von Hochschulreife, was einen materiellen Kern beinhaltet, sprechen, sondern vielmehr eher von Hochschulzugangsberechtigung, was eine rein formale Betrachtung ist, wird später noch einmal aufzugreifen sein.

Von diesen 50 Prozent eines Jahrgangs mit Hochschulzugangsberechtigung nehmen wiederum 80 Prozent ein Studium auf, der Studierendenanteil pro Jahrgang beträgt damit mittlerweile ca. 40 Prozent. Dennoch rüffelt uns die OECD regelmäßig für den niedrigen Akademikeranteil an der Bevölkerung von derzeit ca. 16 Prozent und selbst für den Anteil bei den letzten Absolventenjahrgängen mit ca. 27 Prozent.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Standardargumentationen zu der Notwendigkeit einer weiteren Erhöhung des Akademikeranteils und ihre Widerlegbarkeit eingehen, also nicht auf die bei differenzierterer Betrachtung Fragwürdigkeit von Aussagen wie „Akademikerinnen und Akademiker verdienen im Durchschnitt mehr als Nichtakademikerinnen und Nichtakademiker“ oder „Akademikerinnen und Akademiker haben ein geringeres Arbeitslosigkeitsrisiko“. Ich möchte auch nicht darauf eingehen, dass die OECD-Vergleiche solange nicht belastbar sind, wie sie Abschlüsse an Einrichtungen als Hochschulabschlüsse deklarieren, an denen nicht geforscht wird, wie zum Beispiel an sehr vielen US-amerikanischen „Hochschulen“.

Aufgreifen möchte ich an dieser Stelle auch noch nicht die These, dass in keinem anderen vergleichbaren Land die Aufnahme eines Hochschulstudiums so sehr von der sozialen Herkunft abhängt wie in Deutschland, dass also Arbeiterkinder viel zu selten den Weg an die Hochschule finden. Ich möchte vielmehr einige andere grundsätzliche Überlegungen thesenartig festhalten:

  • Deutschland hat ein individuell für die Betroffenen wie kollektiv für die Volkswirtschaft relevantes Problem mit Personen ohne Schulabschluss wie Personen ohne einen beruflichen Abschluss. Hier ist auch in einem freiheitlichen Gemeinwesen der Staat aufgerufen, zu fördern und zu fordern.
  • Deutschland hat ein international anerkanntes, in anderen Ländern als vorbildlich imitiertes System der dualen Berufsausbildung. Dieses System, dessen Durchlässigkeit zu den Hochschulen im Einzelfall noch verbessert werden könnte, sichert mindestens in gleichem Maße wie das Hochschulsystem unseren Wohlstand. Mit einem weiter steigenden Anteil an Studierenden droht das duale Ausbildungssystem allerdings an Leistungsfähigkeit zu verlieren.
  • Der vielzitierte teilweise schon bestehende und sich perspektivisch verstärkende Fachkräftemangel ist weder ein Mangel über alle Fachrichtungen hinweg noch ein Mangel primär auf der Ebene der Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen. Den Mangel an qualifiziertem Fachpersonal auf der Facharbeiter­ebene in den technischen oder pflegerischen Berufen werden wir mit einer Steigerung der Hochschulabsolventen in Betriebswirtschaftslehre, Soziologie oder Germanistik nicht ausgleichen können.
  • Deutschland hat ein Problem mit Respekt vor und Wertschätzung von unterschiedlichen Bildungslaufbahnen auf unterschiedlichen Ebenen. Ein Hochschulstudium ist etwas anderes, nicht etwas Besseres als eine duale Ausbildung, die zudem zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnet. Entgegen der Auffassung vieler Eltern, die unterstellbar natürlich alle nur das Beste für ihre Kinder wollen, fängt das Menschsein nicht erst mit dem Abitur an. Dennoch wird der Kampf um den Zugang zum Gymnasium bzw. anschließend auf dem Gymnasium immer härter. Nicht überraschend ist, dass der Anstieg des Anteils eines Jahrgangs, der Abitur macht, mit einem deutlichen Anstieg des Anteils der Schülerinnen und Schüler, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, verbunden ist. Schon die Gymnasien stehen unter dem Damoklesschwert eines vermeintlichen Akademisierungsdefizites unter einem hohen Druck, auch denen den Abschluss zu ermöglichen, die bei einem früher normalen und letztlich als Vorbereitung auf ein Hochschulstudium, mindestens auf ein Universitätsstudium auch erforderlichen Anspruchsniveau den Anforderungen nicht gewachsen wären. Dies führt zu einer allgemeinen Anforderungs- und in der Folge Niveaureduzierung, die dazu beiträgt, dass an vielen Gymnasien das Abitur heute eines jedenfalls nicht mehr ist: eine allgemeine Hochschulreife.

 

Die Hochschulen, insbesondere die Universitäten, leiden massiv unter dem ungebremsten Zustrom von Studierenden, denn es strömen auch – und jetzt benutze ich das Wort einfach einmal – eine ganze Reihe von an sich nicht Studierfähigen. Ich weiß, dass man bei der Thematisierung von Studierfähigkeit heute vorsichtig sein muss, um von politisch überkorrekten Gutmenschen nicht sogleich als elitärer Neoliberaler bezeichnet zu werden. Und um Missverständnissen von vornherein vorzubeugen: Wenn ich einen Menschen nach bestimmten Kriterien als studierfähig und den anderen als nicht studierfähig charakterisiere, dann ist das in keiner Weise eine Differenzierung hinsichtlich seines Wertes als Mensch, also hinsichtlich seiner Würde.

Es geht – und umso mehr in einer Welt, in der mancherorts schon Kindern beigebracht wird, selbst das Geschlecht sei nichts anderes als ein soziales Konstrukt – schlichtweg darum, zu respektieren, dass wir Menschen verschieden sind, verschieden in unseren Persönlichkeitsmerkmalen, verschieden in unseren Begabungen, verschieden in unseren Motivationen, verschieden in unserem Engagement, verschieden in unserer Belastbarkeit etc.

Natürlich haben wir auch heute an unseren Hochschulen viele tolle Studierende und ich hoffe sehr, dass solche, wenn wir auch nur auf den männlichen Teil zurückgreifen können, auch einen Großteil der Aktivitates in unseren Burschenschaften ausmachen. Aber wir können und dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass immer mehr Studienanfängerinnen und -anfänger zum Beispiel nicht richtig schreiben können und zwar unabhängig von „alter“, „neuer“ oder irgendeiner anderen Rechtschreibung. Bei vielen ist die Kompetenz, komplexere Texte nicht nur zu lesen, sondern auch in einer Weise zu verstehen, die erst eine argumentative Auseinandersetzung mit den Inhalten möglich macht, wenig ausgeprägt. Auch die Mathematikkenntnisse sind selbst bei Studienanfängerinnen und -anfängern, die sich hoffentlich bewusst für eine Natur- oder Ingenieurswissenschaft entschieden haben, teilweise so rudimentär, dass es für eine Reihe von Studiengängen Vorkurse vor dem eigentlichen Studium gibt.

Als ich seinerzeit als Studiendezernent unter anderem für die Allgemeine Studienberatung an der Jenaer Universität zuständig war, wurden wir mit etlichen Fällen von Studienabbrüchen bzw. Studienfachwechseln von BWL-Studierenden konfrontiert, weil das Fach – offenbar für die Betroffenen völlig überraschend – so viel mit Mathematik zu tun habe; ganz abgesehen einmal von der Studienanfängerin, die bei mir in der Beratung war, um noch nach Ablauf der üblichen Frist die Fächer im damaligen Magister-Studium wechseln zu können, weil sie festgestellt hatte, Geschichte sei „ja alles so altes Zeug.“

Leider habe ich an dieser Stelle nicht genug Zeit, um mich mit dem aus meiner Sicht überwiegend unzutreffenden, wenn nicht absurden Vorwurf auseinanderzusetzen, die Hochschulen seien selbst daran schuld, dass viele Studierende nicht mit dem Studium zurechtkämen. Diese Vorwürfe kommen häufig aus den Reihen derer, die auch nichts dabei finden, dass manche Hochschulen begonnen haben, eine Art „Elternsprechtag“ einzuführen.

Bildungschancengerechtigkeit – und jetzt sind wir auch begrifflich explizit beim Ausgangsthema – heißt unter Berücksichtigung der Verschiedenheit von Menschen eben nicht, Ergebnisgleichheit zu realisieren – auch wenn uns das die sozialistischen Gesellschaftskonstrukteure unterschiedlicher politischer Couleur immer wieder weismachen wollen. Gerechtigkeit ist immer auch im Spannungsfeld von Freiheit und Gleichheit zu erörtern und ich möchte dazu aus einem Interview zitieren, das der Spiegel im Januar 1970 mit dem Sozialphilosophen und Kopf der „Frankfurter Schule“ Max Horkheimer geführt hat:

HORKHEIMER: … Der Gedanke, es fördere den freien Menschen, wenn es in der Gesellschaft keine Konkurrenz mehr gäbe, scheint mir ein optimistischer Irrtum zu sein.

SPIEGEL: Inwiefern ein Irrtum?

HORKHEIMER: Marx ist nicht darauf eingegangen, daß Gerechtigkeit und Freiheit dialektische Begriffe sind. Je mehr Gerechtigkeit, desto weniger Freiheit; je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit. Freiheit. Gleichheit, Brüderlichkeit – wunderbar! Aber wenn Sie die Gleichheit erhalten wollen, dann müssen Sie die Freiheit einschränken, und wenn Sie den Menschen die Freiheit lassen wollen, dann gibt es keine Gleichheit.

 

Um auf einen bereits schon kurz angesprochenen, meines Erachtens berechtigten Kritikpunkt am deutschen Bildungssystem zurückzukommen: Ich halte es für absolut notwendig, dass wir kreative Lösungen für das Problem finden, dass Arbeiterkinder, die studierfähig sind oder sein könnten, den Weg an die Hochschule nicht finden. Dies liegt überwiegend bereits daran, dass sie bei vergleichbarer Begabung und Leistung mit einer um den Faktor drei bis vier geringeren Wahrscheinlichkeit am Ende der Grundschule eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen.

Ich bin aber ebenso dafür, das Bildungs- und Hochschulsystem so zu justieren, dass Akademikerkinder ohne Rücksicht auf Eignung und Begabung nicht wie selbstverständlich das Gymnasium besuchen und anschließend studieren. Belastbare Zahlen zum Anteil der nicht Studierfähigen zu nennen, ist im Übrigen sehr schwer. Längst nicht jeder Studienabbruch – wir reden hier von durchschnittlich 30 Prozent, in manchen Fächern deutlich darüber – ist auf fehlende Studierfähigkeit zurückzuführen. Auf der anderen Seite hat es auch an Hochschulen in vielen Bereichen ein Absenken der Anforderungen gegeben, so dass selbst ein erfolgreicher Studienabschluss heutzutage leider nicht mehr in jedem Fall ein Nachweis von Studierfähigkeit im ursprünglichen Sinne ist.

Ich sprach vorhin von fehlendem Respekt, hier möchte ich noch einen wichtigen Aspekt ergänzen: Die Universität ist auch nicht die gegenüber der Fachhochschule bessere oder höherwertige Institution, sondern eine andere. Ich persönlich bin ein großer Freund von Fachhochschulen mit ihrer anwendungsorientierten Forschung und der seit jeher klaren Aufgabenstellung, fachlich wie regional für konkrete Arbeitsmärkte zu qualifizieren. Ein wesentliches Manko deutscher Hochschulpolitik ist es, den eigentlich wohl mehrheitlich für richtig gehaltenen Weg der Umkehrung der Anteile von Fachhochschulstudierenden und Universitätsstudierenden an den Gesamtstudierenden nicht konsequent zu gehen. 2/3 der Studierenden an Fachhochschulen und 1/3 an den Universitäten wäre eine zielführende Aufteilung. Die würde allerdings unter anderem erfordern, bestimmte Disziplinen ganz oder zumindest teilweise von den Universitäten an die Fachhochschulen zu verlagern, zum Beispiel große Teile der Rechtswissenschaft, der Betriebswirtschaftslehre oder auch der Erziehungswissenschaften.

Es stellt sich die Frage, was die deutsche Universität unter den Maßgaben von Bologna und unter Berücksichtigung dessen, was ich zur Studierendenschaft gesagt habe, heute zu leisten in der Lage ist. Ich beschränke diese Frage nicht nur aus Zeitgründen auf die Universitäten. Nicht überraschend hatten und haben die Fachhochschulen viel weniger Probleme mit den Anforderungen und Folgen des Bologna-Prozesses. Dass sie heute nach den gleichen Studienzeiten die gleichen Abschlüsse wie Universitäten vergeben, hat sie eher aufgewertet. Dass Ziel des Studiums die „employability“, also Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen ist, war auch beim früheren FH-Diplom unzweifelhaft schon so.

Was aber macht Bologna mit der Universität?  Wir werden später noch sehen, dass es hier eine fächerspezifische Groteske gibt; ich möchte eingangs aber erst einmal, und das bewusst provokant, formulieren: Bologna wirft die deutsche Universität hinter die Hochschulreformen des beginnenden 19. Jahrhunderts und damit hinter Humboldt zurück.

Die klassische Universität vor 1800 war eine Universität, in der weit vorrangig berufsbezogene akademische Bildung vermittelt wurde. Drei der vier Fakultäten, die Juristische, die Theologische und die Medizinische, hatten selbstverständlich die Aufgabe, Grundlagen der „employability“ für ganz bestimmte, letztlich staatstragende Berufe zu schaffen. Lediglich in der Philosophischen Fakultät ging es lange Zeit nicht um die Schaffung der Qualifikation für ganz bestimmte Berufe, ehe sich aus dieser Fakultät die durch die Reglementierung des Hochschulzugangs in immer größerer Zahl erforderlichen Gymnasiallehrer rekrutierten.

In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts und damit kurz vor der Gründung der Urburschenschaft traf das traditionelle Universitätsverständnis auf eine neue Bildungsphilosophie, den Neuhumanismus. Wissenschaft wurde nunmehr nicht mehr statisch als eine weiterzugebende Summe an Erkenntnis, sondern als fortlaufender Entdeckungsprozess verstanden. Humboldt formulierte, es käme darauf an, „die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Auffindbares zu betrachten und unablässig sie als solche zu suchen.“ Hinzu kam die Idee der allgemeinen Menschenbildung, die zur Priorität der allgemeinen Bildung vor der Berufsausbildung führte. In den preußischen Reformen wurde diese Bildungsphilosophie im Rahmen der neu gegründeten Universitäten von Berlin, Breslau und Bonn sowie der Reorganisation der nichtpreußischen Universitäten wie zum Beispiel Marburg, Heidelberg und Tübingen institutionalisiert. Die Vorstellung von Bildung als Wissenschaft führte zu einem immensen Bedeutungszuwachs der Philosophischen Fakultät. Nicht unerwähnt bleiben darf aber auch, dass diese Veränderungen und der damit verbundene Anspruch schon damals für die Mehrheit der eher auf Berufsausbildung ausgerichteten Studierenden zum Problem werden konnten.

Trotz aller Irrungen und Wirrungen ihrer Geschichte seit Anfang des 19. Jahrhunderts haben die deutschen Universitäten zumindest an den Ideen von Humboldt und anderen festgehalten, zum Beispiel an der Idee der Einheit von Forschung und Lehre. Zudem wurde die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zunehmend zu einer Schlüsselaufgabe.

In der Praxis der Massenuniversität ist dieses Ideal mehr denn je unerreichbar geworden. Die Universität ist zumindest in Teilen, und das meine ich wiederum weniger wertend als vielmehr beschreibend, zu einer Art „Volkshochschule“ geworden, an der Wissenschaftlichkeit im Humboldtschen Sinne als Grundsatz in hohem Maße an Bedeutung verloren hat. Ja, man kann Bologna böswillig als Programm verstehen, sich nunmehr in Erkenntnis vermeintlicher Notwendigkeiten auch formal von der Humboldtschen Universität zu verabschieden. Die Kritik geht teilweise soweit, dass im Zusammenhang mit dem BA/MA-System von einer faktischen Schulzeitverlängerung zulasten des Studiums gesprochen wird: Die Gymnasialzeit wurde um ein Jahr verkürzt, der dreijährige BA bereitet aber seinerseits lediglich auf ein wissenschaftliches Studium vor und übernimmt so Aufgaben, die früher das Gymnasium erfüllt hat, so dass das wissenschaftliche Studium als solches auf den zweijährigen Master verkürzt ist bzw. nur noch in Kombination mit einer Promotion stattfindet.

Die berechtigte Frage ist jedoch, ob nun gerade das die richtige Antwort auf die sicher nicht zufriedenstellende Situation der Universitäten war. Von Kollateralschäden wie der unnötigen Abkehr vom Qualitätssiegel des deutschen Diplom-Ingenieurs einmal ganz abgesehen, hier gibt es aber ermutigende Signale, dass dieser Schritt gegebenenfalls reversibel sein könnte.

Ich sprach vorhin von einer Groteske, worin besteht diese? Bislang erfolgreich gegen das gestufte Bologna-Abschlusssystem von Bachelor und Master gewehrt haben sich auch unter Berufung auf die Notwendigkeiten der Wissenschaftlichkeit unter anderem die Juristen und die Mediziner – also die Fakultäten, bei denen es seit jeher um Berufsqualifikation, ja letztlich um ein hochanspruchsvolles Handwerk ging und geht. Eliminiert wurde hingegen das Magister-Studium, wie es sich seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften entwickelt hatte und das zumindest in seiner theoretischen Konstruktion vielleicht am ehesten der Humboldtschen Universität entsprochen hat.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass die gesellschaftlichen wie politischen Verhältnisse es ermöglichen, erkannten Fehlentwicklungen im deutschen Bildungs- und Hochschulsystem entgegenzuwirken. Angesichts der Vielfalt menschlicher Begabungen, die alle wichtig für unser Gemeinwesen sind, wie der Vielfalt an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen würde ich ein differenzierteres aber zugleich durchlässiges Bildungs-, Ausbildungs- und Hochschulsystem einem Einheitsbildungssystem vorziehen. Ersteres bietet die Möglichkeit, die Freiheit, unterschiedlichen Begabungen Raum zu geben, mit dem Ziel der Startchancengerechtigkeit zu verbinden, während Letzteres in dem Irrglauben, mehr Gleichheit würde zwingend mehr Gerechtigkeit bedeuten, Freiheit beschränkt, Talente verschüttet und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft gefährdet.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Überarbeitetes und leicht gekürztes Manuskript eines Vortrages auf dem Symposium „Von ‚Ehre-Freiheit-Vaterland‘ zu ‚Integrität-Freiheit-Gemeinsinn‘ in Deutschland und Europa“ der Neuen Deutschen Burschenschaft am 3. Oktober 2015 in Jena. Die Vortragsform wurde im Wesentlichen beibehalten.



QUELLENANGABEN

1 Hierbei beziehe ich mich im Wesentlichen auf Konrad H. Jarausch, Deutsche Studenten 1800-1970, edition suhrkamp, Neue Folge Band 258, Erstausgabe Frankfurt am Main, 1984.
2 Sehr inspirierend zum Folgenden Julian Nida-Rümelin, Der Akademisierungswahn, Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung, edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014.

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erschienen in: academicus 39, November 2015