Für eine gerechtere Gesellschaft

Überlegungen aus evangelisch-theologischer Sicht

 

von Anne Käfer

 

Vortrag vom 3. Oktober 2015

Raffaels Justitia, Deckenfresko im Vatikan

Mein Auftrag lautet, Überlegungen aus evangelisch-theologischer Sicht zur Frage nach einer gerechteren Gesellschaft beizutragen. Zunächst will ich Punkte nennen, die meines Erachtens bei der Beantwortung dieser Frage zu beachten sind. Zum einen gilt es sich darüber klar zu werden, wer oder was Gesellschaft ist. Zum anderen ist es nötig, die unterschiedlichen Vorstellungen zu berücksichtigen, die vor Augen stehen, wenn von Gerechtigkeit die Rede ist.


Was aus protestantischer Perspektive zu beachten ist in der Absicht, das gesellschaftliche Zusammenleben gerechter zu gestalten, das soll anschließend diskutiert werden. Dazu ziehe ich ausschnittsweise eine evangelisch-katholische Publikation mit dem Titel „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ heran, die im vergangenen Jahr erschienen ist1. Es handelt sich hierbei um eine Initiative für eine erneuerte Wirtschafts- und Sozialordnung, die vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und von der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam herausgebracht wurde.2

I. Gesellschaft und Gerechtigkeit

I.1. Von der Gesellschaft

Was Gesellschaft sei, kann sehr eng, aber auch sehr weit verstanden werden. So gibt es Lesegesellschaften oder Gesellschaften für deutsche Sprache, für Gefäßchirurgie und Schmetterlingsschutz. Es gibt Religionsgesellschaften und nationale Gesellschaften. Die größtmögliche Gesellschaft scheint im Blick zu sein, wenn alle Menschen, die den Lebensraum Erde teilen, als Glieder einer Gesellschaft gesehen werden. Aus dieser Blickrichtung können dann einzelne Gesellschaften, vor allem diejenigen, die sich durch nationale Grenzen definieren, als eingeschränkte Variationen der einen globalen Gesellschaft angesehen werden. Doch nicht nur durch die nationalen Grenzen, insbesondere durch ihre jeweiligen Gesellschaftsordnungen sind diese Gesellschaften voneinander unterschieden. Und diese Ordnungen wiederum sind maßgeblich geprägt durch die Überzeugungen vom Guten und Gerechten, die in diesen Gesellschaften vertreten werden.

Je nach dem, welche Gerechtigkeitsvorstellung in einer Gesellschaft tonangebend ist, variiert deren Ordnung des Zusammenlebens; sie kann beispielsweise freiheitlich oder totalitär, elitär oder egalitär, sozialistisch oder demokratisch geprägt sein. Die jeweiligen Vorstellungen vom Guten und Gerechten werden besonders deutlich an den Beziehungen zwischen den einzelnen Lebensbereichen in der Gesellschaft. In einer Gesellschaft können unterschiedliche Lebensbereiche differenziert werden: Neben dem Bereich, in dem die staatlichen Aufgaben, Gesetzgebung, Rechtsprechung und Rechtsdurchsetzung ausgeführt werden, bestehen die Felder der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kunst sowie der Religions- und Weltanschauungskommunikation. Das Zusammenwirken dieser Bereiche ist in einer jeden Gesellschaft durch die Ordnung geregelt, die die Beschaffenheit der jeweiligen Gesellschaft auszeichnet. Je nach Ordnung oder Verfassung kann beispielsweise das Verhältnis von Staat und Wirtschaft durch mehr oder weniger Eingriffsmöglichkeiten des Staates auf das wirtschaftliche Handeln geregelt sein. Ist die Überzeugung leitend, dass sich der Markt liberal regeln und menschliches Handeln nach Leistung bewertet werden soll, werden staatliche Sozialmaßnahmen geringer ausfallen als in Gesellschaften, in denen der Staat gesellschaftliche Güter unter den Gesellschaftsgliedern je nach Parteizugehörigkeit verteilt. Welche Güterverteilung vorgenommen wird und welche Marktregulierungen des Staates für angemessen gehalten werden, das entscheidet sich am Gerechtigkeitsverständnis.

I.2. Von der Gerechtigkeit

Insbesondere in zwei Hinsichten wird die Gerechtigkeitsfrage laut und unter Verweis auf Aristoteles schon seit Jahrhunderten diskutiert. Zum einen gilt es zu klären, was einen gerechten Austausch auszeichnet, wann also im Tausch einzelner Güter zwischen einzelnen Menschen ausgeglichene Verhältnisse bestehen. Zum anderen ist fraglich, wie vorhandene Güter in einer Gesellschaft zwischen den einzelnen Gliedern der Gesellschaft gerecht verteilt werden. Mit diesen Überlegungen geht sogleich die Frage einher, was denn überhaupt für ein Gut gehalten wird und was Güter sind.

Als ein Gut kann finanzielles und materielles Eigentum bezeichnet werden, ein gut gefülltes Konto, ein Auto, ein Haus oder eine Yacht. Aber auch Freiheit und Ehre, Arbeitskraft und Bildung, Gesundheit und Familie werden als Güter angesehen. Wie können nun diese unterschiedlichen Güter, soweit das überhaupt möglich ist, zwischen einzelnen Menschen gerecht getauscht und gehandelt werden?

Grundlegend ist nötig, dass über den Wert des jeweiligen Gutes weitgehend Einigkeit besteht. Recht leicht vergleichbar sind dann die jeweils ermittelten Werte, wenn sie in Geldpreisen angeben werden. Von einem gerechten Handel oder Tausch wird üblicherweise dann gesprochen, wenn eine Wertgleichheit vorliegt, wenn also der gezahlte Geldwert mit dem Wert der erhaltenen Ware übereinstimmt. Allerdings jedoch ist der Wert der Ware oder des jeweiligen Produktes Ergebnis ökonomischer Verhandlungen zwischen Menschen. Und hierbei machen sich die verschiedenen Wertvorstellungen bemerkbar. Diese können die Qualität der Ware oder die Bewertung der Arbeitskraft betreffen, die zur Fertigung eines Produktes nötig war. Wer wenig Wert auf faire Löhne und Mindestlöhne legt, wird womöglich nicht bereit sein, einen fairgehandelten Kaffee zu kaufen, wenn dessen Geldpreis über demjenigen anderer Kaffeesorten liegt. Das Gleiche gilt für den Kauf von Kaffee aus ökologisch angebauten Kaffeebohnen.

Auch im Blick auf Güter, die in der Gesamtgesellschaft gehandelt und verteilt werden, bestehen unterschiedliche Wertvorstellungen. Es gibt Menschen, die der Gesundheits- und Altersfürsorge mehr Wert beimessen als der Bildung junger Menschen oder dem Schutz der Umwelt. Deshalb wird in der demokratisch verfassten Gesellschaft um den Wert solcher Güter und um entsprechende staatliche Zuwendungen gestritten. Und damit ist nun auch schon der zweite Aspekt der Gerechtigkeitsfrage im Blick: Wie werden Güter, die nicht im Besitz und nicht in der Verfügbarkeit von Einzelpersonen sind, in der Gesellschaft gerecht verteilt? Ist es gerecht, wenn Studierende für ihre universitäre Ausbildung Gebühren entrichten müssen, aber Kitaplätze subventioniert werden? Ist es gerecht, wenn mehr Steuergelder in den Umweltschutz fließen als in die Sanierung von Autobahnen? Wäre es gerecht, wenn Arbeitslose mehr Arbeitslosengeld erhielten und Einkommensstarke mehr Steuern zahlen müssten?

Diese fragenden Beispiele weisen auf zwei Punkte hin, die zu beachten sind, wenn eine möglichst gerechte Verteilung von Gütern erfolgen soll: Zum einen sind Leistungsfähigkeit und Bedürftigkeit der einzelnen Gesellschaftsglieder maßgebliche Kriterien für die gesamtgesellschaftliche Verteilung von Gütern. Einerseits wird für gerecht erachtet, wenn Menschen gemäß ihrer Leistung entlohnt werden, andererseits wird für nötig gehalten, dass die Grundbedürfnisse so genannter schwacher Menschen abgedeckt sind.

Was jedoch als Leistung bezeichnet oder als Bedürfnis anerkannt wird, das kann wiederum sehr verschieden bestimmt werden. Es können ökonomische Leistungen von intellektuellen, medizinischen oder künstlerischen unterschieden werden, denen ebenso ein jeweils anderer Wert beigemessen werden kann, wie den entsprechen4 den Bedürfnissen auch. Verschiedene Menschen, werden je nach ihren weltanschaulichen Überzeugungen unterschiedliche Antworten auf die Fragen der Güterabwägung und Wertbeimessung geben.

Der zweite Punkt, der bei gesamtgesellschaftlicher Güterverteilung zu klären ist, ist die Entscheidung darüber, für welche gesellschaftlichen Gruppen insbesondere Steuergelder aufgewendet werden sollen.

So kann es sein, dass eine Gesellschaft sich großen Nutzen von Kindern verspricht und dementsprechend deren Betreuung fördert. Solche Unterstützung kann mit der Absicht „demographischer Nachhaltigkeit“ einhergehen. Der Erhalt der Gesellschaft ist angestrebt, damit in Zukunft ein gerechter Ausgleich zwischen alten und jungen Gesellschaftsgliedern möglich ist.

Ökologische Nachhaltigkeit wiederum ist im Blick, wenn es um den Umweltschutz geht. Hierbei wird von der gegenwärtigen Gesellschaft ein Handeln verlangt, das gegenüber zukünftigen, noch gar nicht geborenen Menschen als gerecht verantwortet werden kann. Auch diesen Menschen sollen sauberes Wasser, saubere Luft, Nahrungsmittel und ausreichend Lebensraum verfügbar sein.

Einige Fragen sind nun genannt, die nicht nur die deutsche und die europäische, sondern auch die weltweite Gesellschaft zu gerechten Antworten herausfordern. Die Antworten, die jeweils gegeben werden, sind grundlegend bedingt durch die weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen, auf denen die Wertvorstellungen und Gerechtigkeitsannahmen der einzelnen Gesellschaftsglieder basieren. Von Überzeugungen und Kriterien, die aus protestantischer Sicht Güterabwägungen und die Verteilung von Gütern bestimmen, soll der zweite Abschnitt handeln.

II. Gerechteres Zusammenleben aus evangelisch-christlicher Sicht

Zwei Voraussetzungen sind meines Erachtens zu erfüllen, um überhaupt zur Antwort auf einzelne Gerechtigkeitsfragen befähigt zu sein. Erstens ist Klarheit nötig über den jeweiligen konkreten Sachverhalt, der Entscheidungen fordert. Zweitens bedarf es einer klaren Auskunft darüber, welche Güter und Werte von den Antwortenden grundsätzlich für erstrebenswert erachtet werden.

Für den ersten Punkt ist oftmals insbesondere der Bereich der Wissenschaft zuständig. Hier werden unter anderem Berechnungen über den demographischen Wandel und den Klimawandel angestellt, es werden medizinische oder statistische Daten erhoben, und je nach Sachverhalt sollten diese bei einer Gerechtigkeitsentscheidung berücksichtigt werden.

Ebenso gilt es Klarheit zu gewinnen über die Grundüberzeugungen, auf denen die jeweiligen Entscheidungen fußen. Sind die jeweiligen Sinn- und Wertvorstellungen bekannt, kann nicht nur nachvollzogen werden, ob getroffene Entscheidungen tatsächlich im Sinne der Wertvorstellungen sind. Zudem hilft die Reflexion dieser Wertvorstellungen der Selbst- und Fremdaufklärung über die Hintergründe für bestimmte Antworten auf Gerechtigkeitsfragen.

Von Seiten der evangelischen Theologie kann und sollte zu dieser Aufklärung beigetragen werden, und zwar zu derjenigen über Einsichten des christlichen Glaubens, die bei einer christlichen Beantwortung der Frage nach einer gerechteren Gesellschaft zu bedenken sind. Von ihnen will ich im Folgenden handeln, zunächst im Blick auf das Verständnis von Gerechtigkeit und dann im Blick auf dasjenige von Gesellschaft.

II.1. Gerechtigkeitsüberlegungen aus christlicher Sicht

Wieder einmal ist zweierlei zu beachten, zum einen das Wohl der Gesellschaft als der Gesamtheit aller Gesellschaftsglieder und zum anderen das Wohl ihrer einzelnen Individuen. „Gemeinwohl“ ist nur dann im Blick, wenn beide Seiten berücksichtigt werden. Dies verlangt von einem jeden Einzelnen, dass er nicht ausschließlich eigennützig handelt, aber auch nicht schlechthin aufopfernd tätig ist. Vielmehr wird er im Sinne des biblischen Liebesgebotes sowohl den anderen, den Nächsten als auch sich selbst bei seinem Tun und Handeln im Auge haben. Zwar wird es nur selten der Fall sein, dass da ein Handelnder den Nächsten liebt wie sich selbst. Jedoch können in einer Gesellschaft Tätigkeiten, die zum Wohl des Nächsten und solche die zum eigenen Wohl dienen, gesetzlich gefordert und geregelt werden.

Das christliche Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch von sich aus zur Nächstenliebe nicht fähig ist. Denn er vermag von sich aus den Nächsten nicht als ein Geschöpf Gottes zu erkennen, das deshalb liebenswert ist, weil es Gott aus Liebe schuf. Diese Erkenntnis und vor allem die Liebe zum Nächsten wirkt Gott in unverfügbarer Weise.

Christenmenschen, die davon überzeugt sind, dass Gott seine Geschöpfe aus Liebe schuf, können sich und sollten sich jedoch dafür einsetzen, dass in der Gesellschaft die einzelnen Gesellschaftsglieder als Geschöpfe Gottes geachtet werden. Entsprechend ist es aus christlicher Sicht entscheidend, dass die Würde der Einzelnen bei allen Gerechtigkeitsfragen an erster Stelle steht. Niemand darf jemals bloß als Mittel zum Zweck behandelt und mit einem bestimmten Wert und Preis versehen werden. Auch davon, dass eine wahrhaft gerechte Gesellschaft und vollkommenes „Gemeinwohl“ auf Erden nicht realisierbar sind, ist der christliche Glaube überzeugt. Es ist allein Gott vorbehalten, eine wahrhaft gerechte Gesellschaft aufzurichten oder mit biblischen Worten ausgedrückt, sein Reich, das Reich Gottes zu verwirklichen, das ein ewiges Friedensreich, frei von Unterdrückung, Leid und Übel sein wird. Doch Christenmenschen, die davon überzeugt sind, dass Gott sein ewiges Reich errichten wird, sollten sich keineswegs zurückhalten, auf Erden an einer gerechteren Gesellschaft mitzuarbeiten. Vielmehr können sie es eben durch ihre Mitarbeit unternehmen, auf das Ziel des Handelns Gottes hinzuweisen.

Häufig ist solche Mitarbeit insbesondere davon bestimmt, dass auf die so genannten Armen der Gesellschaft hingewiesen wird. In der eingangs genannten evangelisch- katholischen Veröffentlichung heißt es: „Unsere Thesen sind getragen von der Überzeugung, dass ein von Solidarität und Gerechtigkeit getragenes Gemeinwesen im Sinne aller Glieder der Gesellschaft ist, ob arm oder wohlhabend. Die von guten Vernunftgründen gestützte biblische Option für die Armen, die wir [...] ausdrücklich unterstreichen, ist eine Option für die ganze Gesellschaft.“ (S. 13)

Zuwendung zu den Armen, so heißt es hier, sei im Sinne aller Gesellschaftsglieder. Wer aber sind überhaupt die Armen? Sind es die finanzschwachen Glieder der Gesellschaft, sind es Menschen mit Krankheit und Behinderung, sind es Menschen, die ihres Geschlechts oder ihre Nationalität wegen diskriminiert werden, sind es Leistungsträger, die von ihrer Arbeit aufgefressen werden?

Jedenfalls, so scheint mir, ist Zuwendung zu den Armen nur dann möglich, wenn auch Zuwendung zu den Starken und Reichen erfolgt, die durch ihre Leistung die Mittel bereitstellen, mit denen Bedürfnisse der Armen befriedigt werden können. Gerade die Leistungsstarken sind es, die in der Sozialen Marktwirtschaft der deutschen Gesellschaft nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt Güter erwirtschaften und bereitstellen. Diesen positiven Wert der Sozialen Marktwirtschaft betont die genannte Publikation ausdrücklich und bewertet die Grundidee dieser Wirtschaftsordnung sogar in moralischer Hinsicht als „richtig“ (S. 20).

Entscheidend bei solchen Formulierungen, die moralische Bewertungen ausdrücken, ist allerdings, dass nicht übersehen wird, was hier nur unter „moralisch“ verstanden werden kann. Wenn im Text, der von Gremien zweier christlicher Kirchen stammt, die Soziale Marktwirtschaft moralisch bewertet wird, kann der moralische Maßstab einzig und allein ein christlicher sein. Von den Textautoren wird die Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft an den christlichen Überzeugungen davon gemessen, wie Zusammenleben gut und gerecht funktioniere.

Gemessen an den Moralvorstellungen beispielsweise einer Vertreterin der marxistischen Weltanschauung würde womöglich eine andere Wirtschaftsordnung als richtiger und moralisch besser beurteilt werden. Je nach religiöser oder weltanschaulicher Prägung werden unterschiedliche Wirtschaftsmodelle bevorzugt und für moralisch richtig gehalten.

Dass das christlich-moralische Urteil über Soziale Marktwirtschaft grundsätzlich positiv ausfällt, hängt grundlegend mit dem christlichen Menschenbild zusammen. Im genannten Text wird darauf hingewiesen: „Wir Christen wissen um die Gebrochenheit der menschlichen Natur, die zum Großartigsten, aber auch zum Schrecklichsten fähig ist. [...]. Die menschliche Gesellschaft ist keine Gemeinschaft von puren Egoisten, aber auch keine von reinen Altruisten. Dem trägt das Modell der Sozialen Marktwirtschaft Rechung, weil es einerseits das menschliche Leistungsstreben und Konkurrenzverhalten in den Dienst volkswirtschaftlicher Effizienz stellt, aber andererseits den marktwirtschaftlichen Wettbewerb auf das Gemeinwohl hin ordnet“ (S. 58).

Was das Kirchenpapier klar verstehen lässt, ist sein Anliegen, dass die Gesellschaft der Bedürftigkeit armer und schwacher Gesellschaftsglieder entgegenwirken soll. Doch nicht nur, wer die Bedürftigen der Gesellschaft sind, muss hierfür festgestellt werden. Grundlegend sollte ausgemacht werden, wer denn überhaupt zur Gesellschaft gehört.

II.2. Gesellschaft aus christlicher Sicht

Im vorangehenden Abschnitt habe ich hingewiesen auf das alt- und neutestamentliche Liebesgebot: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (s. Lk 10,27; Dtn 6,5; Lev 19,18). Die Befolgung dieses Gebotes ist nicht in der Hand des Menschen. Jedoch ist es möglich, auf gesetzlichem Wege eine gesellschaftliche Verteilung von Gütern zu regeln, die den Nächsten berücksichtigt.

Wer aber ist denn eigentlich mein Nächster?

Ist nicht in unserer globalisierten Welt der Nächste ein jeder Mensch dieser Erde, der stets mehr oder weniger unmittelbar von den Auswirkungen ökonomischer Prozesse in bestimmten nationalen Gesellschaften betroffen ist und darum womöglich unter schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen leidet?

Vor allem ökologische Auswirkungen wirtschaftlichen Handelns machen sich weltweit bemerkbar. Der Klimawandel hält nationale Grenzen nicht ein und lässt, ganz ohne auf menschliche Gerechtigkeitsvorstellungen zu achten, gerade auch dort seine Folgen spüren, wo er nicht verursacht wurde.

Mit dem Stichwort Klimawandel ist zudem auch derjenige Nächste in den Blick gerückt, der erst zukünftig existieren wird. Denn Klimawandel, Ressourcenabbau oder Wasserverschmutzung werden vor allem zukünftige Generationen betreffen. Für eine gerechtere Gesellschaft gilt es aus christlicher Sicht, auch diese Menschen bei der Verteilung von Gütern, wie sauberer Luft und trinkbarem Wasser zu beachten. Und noch ein Nächster muss aus christlicher Sicht in den Blick gefasst werden, wenn die Gesellschaft tatsächlich gerechter werden soll. Denn aus christlicher Sicht ist der Nächste vor allem und maßgeblich Gottes Geschöpf. Weil er Geschöpf Gottes ist, soll gerecht mit ihm umgegangen werden. Weil er Geschöpf Gottes ist, sollte im Umgang mit ihm jedenfalls dies bewusst sein, dass er, weil er sich Gottes Willen verdankt, nicht zur freien Verfügbarkeit geschaffen ist. Dies gilt nach christlicher Überzeugung für sämtliche Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Nation oder Religion sie sind.

Dies gilt aber ebenso auch für sämtliche andere Geschöpfe. Diese Geschöpfe stimmen zwar nicht freiwillig in die Gesellschaftsordnung der Menschengesellschaft ein, gleichwohl sind sie, beispielweise als Haus- oder Nutztiere, ungefragt in diese Ordnung integriert. Auch ihre Bedürfnisse gilt es also zu berücksichtigen, wenn die Gesellschaft gerechter werden soll.

Selbstverständlich verlangen die im Vortrag genannten Gesellschafts- und Gerechtigkeitsfragen sehr komplexe Abwägungen. Diese sollten meines Erachtens stets mit der Besinnung darauf einhergehen, was unter Gesellschaft und Gerechtigkeit verstanden wird und welche grundlegenden weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen bei der Beantwortung konkreter Gerechtigkeitsherausforderungen leitend sind. Zwei Überzeugungen, die meines Erachtens aus christlicher Sicht entscheidend sind, fasse ich abschließend zusammen: Weil sich sämtliche Geschöpfe der schöpferischen Liebe Gottes verdanken, ist eine Gesellschaft umso gerechter, je mehr Geschöpfe in der Ordnung des Zusammenlebens als Würdewesen geachtet und darum keinesfalls nur als Mittel zum Zweck verwendet werden.

Weil sämtliche Geschöpfe bedürftige Wesen sind, gilt es zweitens bei der Verteilung von gesamtgesellschaftlichen Gütern, seien es Steuergelder oder sauberes Wasser, möglichst weitreichend die Bedürfnisse der einzelnen Gesellschaftsglieder auszumitteln. Gerechtes Handeln verlangt, dass ein Mensch seine Mitgeschöpfe ebenso wie sich selbst in seiner Bedürftigkeit achtet und beachtet.



(1) Der Text vom 28. Februar 2014 ist auf den Internetseiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu finden, s.: www.ekd.de/EKD-Texte/92055.html. Die aus diesem Text entnommenen Zitate werden unter Verweis auf die Seitenzahlen genannt, die die zum Download verfügbare PDFDatei enthält.

(2) Am 2. Oktober 2015 wurde unter der Überschrift „Im Dienst an einer gerechten Gesellschaft“ vom Vorsitzenden des Rates der EKD Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx eine gemeinsame Feststellung zu der Ökumenischen Sozialinitiative veröffentlicht, die mit dem Text „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ (s. Anm. 1) angestoßen worden war, s.: www.ekd.de/EKD-Texte/100738.html.

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Aktualisierte Fassung des Beitrags in: academicus 39, November 2015