Carl Ludwig Sand

Der Attentäter

 

von D. Min. Arnulf Baumann, Bubenreuther Erlangen (1951)

Carl Ludwig Sand hat tragische Berühmtheit erlangt durch sein verhängnisvolles Attentat auf den Schriftsteller August von Kotzebue 1819, durch das die Entwicklung der Burschenschaftlichen Bewegung jäh unterbrochen wurde und schwerste Verfolgungen über viele Burschenschafter hereinbrachen. Er hat Edles gewollt, aber schweren Schaden angerichtet.

Sand wurde am 5. Oktober 1795 in Wunsiedel in Oberfranken in einer dort ansässigen gutbürgerlichen Familie geboren; sein Vater war Stadtrichter, mütterlicherseits war er mit dem Dichter Jean Paul verwandt. In jungen Jahren war er oft kränklich, konnte aber mit großem Fleiß seine Lücken ausgleichen. Nach dem Besuch des Lyzeums seiner Heimatstadt ging er auf die Gymnasien in Hof und dann Regensburg über. 1814 begann er sein Studium der evangelischen Theologie in Tübingen, wo er sich im folgenden Jahr der Landsmannschaft Teutonia anschloss. Schon hier kam er mit den Ideen der Burschenschaft in Berührung. Nach einem Auslandsaufenthalt in der Schweiz beteiligte er sich aktiv an dem Befreiungskrieg gegen Napoleon, ohne an Kampfhandlungen beteiligt zu werden. Anschließend wechselte er zur Universität Erlangen über, wo er der Landsmannschaft Frankonia beitrat, um in ihr für die Burschenschaft zu wirken.

Als seine Bemühungen dort ohne Erfolg blieben, trat er wieder aus, um mit einigen Freunden eine „Teutsche Burschenschaft“ zu gründen, was ihm am 27. August 1816 auch gelang. Hier arbeitete er intensiv an der Ausarbeitung einer Verfassung dieses Bundes, der der Gedanke einer „christlich-deutschen“ Burschenschaft zu Grunde lag. Jedoch konnte sich diese neuartige Verbindung nicht gegen die etablierten Corps durchsetzen, zumal die übersteigerte schwärmerische Art Sands sich als wenig attraktiv für Unentschlossene erwies. Als Sand von dem geplanten „Wartburgfest“ hörte, ging er nach Eisenach und nahm an prominenter Stelle an diesem Fest teil. Er gehörte dem Festausschuss an und war an der Bücherverbrennung dort beteiligt, der auch eine „Geschichte des deutschen Reiches“ von August von Kotzebue aus Weimar, später Mannheim, zum Opfer fiel, der als Informant der zaristischen Regierung in St. Petersburg galt – er war zum russischen Staatsrat ernannt worden – und als entschiedener Gegner der burschenschaftlichen Bestrebungen. Nach dem Wartburgfest ging Sand zum Wintersemester 1817/18 nach Jena und trat der dortigen Urburschenschaft bei, in der er später auch dem Vorstand angehörte. Zum Ende des Wintersemesters 1818/19 trat er aus der Burschenschaft aus, offenbar, um diese vor den Folgen seiner Tat zu bewahren.

Es muss hervorgehoben werden, dass Carl Ludwig Sand auch als Student fleißig und von tiefer Frömmigkeit erfüllt war. In seiner Persönlichkeit war jedoch ein Zug zur Übersteigerung angelegt; er war nicht leicht zu begeistern, hielt aber eisern an einmal gefassten Überzeugungen fest. Der Übereifer ließ ihn nicht viele Freunde und Anhänger finden; er blieb ein Eigenbrötler.

Schon früh hatte sich bei Sand der Gedanke festgesetzt, er sei zu einer großen Tat ausersehen. Dies konkretisierte sich im Laufe seiner Studentenzeit zu der Überzeugung, er müsse einen „Tyrannenmord“ begehen, um damit ein Signal für einen revolutionären Aufbruch zu geben, ähnlich wie der „Sturm auf die Bastille“ in Paris am 14. Juli 1789 als Auslöser der Französischen Revolution gedient hatte.

Als Objekt seiner Tat trat schon bald August von Kotzebue in Sands Blickfeld – ein tragischer Irrtum, weil dieser bei den burschenschaftlich gesinnten Studenten zwar herzlich unbeliebt war, aber nicht als „Tyrann“ bezeichnet werden konnte, da er kaum über staatliche Machtmittel verfügte. Doch eine Reise zu dem „Turnvater“ Jahn und der Einfluss des von Gießen nach Jena übergesiedelten Anführers der „Unbedingten“, Karl Follen, der eine radikal-revolutionäre Richtung in der Burschenschaft vertrat, bestärkten Sand in seiner Überzeugung. In einer Tagebucheintragung vom Silvesterabend 1818 spricht er seine Absicht schon deutlich aus. Aber zunächst musste Sand – das war bezeichnend für seine Pflichtauffassung – noch seine Studienarbeiten zum Ende des Semesters abschließen. Dann schrieb er seinen Eltern und Geschwistern einen ausführlichen Abschiedsbrief, in dem er begründete, warum sein Vorhaben ethisch geboten und für ihn unausweichlich sei; ebenso verabschiedete er sich von den Verantwortlichen der Burschenschaft.

Am 9. März 1819 brach Sand zu einer Wanderung auf, suchte in Eisenach die Wartburg auf, besuchte danach Freunde aus dem Kreis der „Unbedingten“ in Frankfurt, Darmstadt und Umgebung und traf am 22. März in Mannheim ein, wo er zunächst die Stadt besichtigte. Am nächsten Morgen suchte er das Haus von Kotzebues auf, traf diesen aber nicht an, weshalb er am Nachmittag wiederkam. Mit den Worten „Hier, du Verräter des Vaterlandes!“ stieß er ihm seinen Dolch in die Brust, worauf von Kotzebue binnen weniger Minuten verblutete. Als der kleine Sohn des Ermordeten ins Zimmer kam und laut schrie, stieß Sand sich einen zweiten, kleineren Dolch in die Brust, konnte aber noch die Treppe hinuntereilen und ein vorbereitetes Flugblatt „Todesstoß dem August von Kotzebue“ dem Diener des Getöteten überreichen. Dann stach er sich noch einmal in die Brust, rief „Ich danke dir, Gott“ und ließ sich festnehmen. Er wurde am gleichen Abend vernommen, wobei er auf einen Zettel schrieb: „A. v. Kotzebue ist der Verführer unserer Jugend, der Schänder unserer Volksgeschichte und der russische Spion unseres Vaterlandes.“

Seine Verwundungen waren schwer, aber nicht lebensbedrohlich; er wurde ärztlich versorgt und soweit hergestellt, dass er dem folgenden Verfahren folgen konnte. Die Untersuchung erstreckte sich vor allem auf die Motive seiner Tat, was an Hand der sichergestellten Unterlagen leicht war, vor allem aber auf die Feststellung möglicher Hintermänner, die man vor allem in den Burschenschaften vermutete. Erst zu Anfang des Jahres 1820 konnte die Gerichtsverhandlung beginnen, die am 11. April 1820 mit dem Urteil des Mannheimer Hofgerichts endete, das auf Tod durch Enthauptung lautete, was vom Oberhofgericht in Karlsruhe bestätigt wurde. Das Urteil wurde am 20. Mai 1820 auf einer Wiese vor dem Heidelberger Tor in Gegenwart einer großen Volksmenge vollstreckt. Die Bluttat Sands erregte ungeheures Aufsehen; die Zeitungen berichteten ausführlich darüber. Sie traf in der Bevölkerung auf eine verbreitete Stimmung, die vor allem auf die vermeintlich edlen Motive des Attentäters achtete. Hier wurde Sand als Märtyrer einer guten Sache angesehen. Die Verehrung für ihn ging so weit, dass Holzsplitter des Schafotts wie Reliquien aufbewahrt wurden. Große Aufmerksamkeit fand der Trostbrief des Berliner Theologieprofessors de Wette an die Mutter Sands, in dem dieser unverhohlen Sympathien für die Tat ihres Sohnes bekundete. Allerdings: Ein Überspringen des revolutionären Funkens war – abgesehen von einzelnen Nachahmertaten – nirgends festzustellen. Das Attentat löste keineswegs eine Revolution aus, es war und blieb die Einzeltat eines irregeleiteten Schwärmers.

Weit folgenreicher war die Reaktion der Regierenden, insbesondere die Regierungen der beiden im Deutschen Bund führenden Staaten, Österreich und Preußen. Allen voran der Fürstkanzler Österreichs, Clemens von Metternich, ein Rheinländer, machte die Verfolgung revolutionärer Umtriebe zu seiner persönlichen Aufgabe. Die anderen Staaten folgten seiner Initiative mehr oder weniger eifrig. Von Metternich und andere sahen durch Sands Untat die Grundfesten der staatlichen Ordnung gefährdet, die ständische Verfasstheit der Gesellschaft und den Obrigkeitsstaat, und befürchteten ernsthaft, dass wie in der Schlussphase der Französischen Revolution auch ihre Köpfe unter der Guillotine rollen würden. Da Sands Zugehörigkeit zur Burschenschaft von Anfang an bekannt war, richtete sich der Argwohn der Regierenden vor allem auf diese, obwohl sich keine Nachweise einer Verwicklung anderer Burschenschafter in das Attentat hatten finden lassen.

Entsprechend hart fiel die Reaktion der staatlichen Vertreter aus. Nach einem Vorgespräch zwischen Metternich und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen kam es am 6. August 1819 im böhmischen Karlsbad mit weiteren Vertretern der im Deutschen Bund zusammengeschlossenen Länder zu einer inoffiziellen Versammlung, bei der die so genannten „Karlsbader Beschlüsse“ vereinbart wurden, die die Grundlage für die Verfolgung „staatsgefährlicher Umtriebe“ in der Folgezeit bildeten. Darin wurden die Universitäten unter besondere Beobachtung gestellt: Förderer der demokratischen Bewegung unter den Professoren sollten entlassen werden, das Verbot studentischer Verbindungen sollte ausdrücklich auf die Burschenschaft ausgedehnt werden – heute würde man sagen, die Burschenschaft wurde zu einer „terroristischen Vereinigung“ erklärt – und eine strenge Zensur aller Publikationen wurde eingeführt. Eine Zentral-Untersuchungs- Kommission des Deutschen Bundes in Mainz sollte alle einschlägigen Nachforschungen und Gerichtsverfahren koordinieren. Man wollte revolutionäre Bestrebungen im Keime ersticken.

Durch die daraufhin einsetzende „Demagogenverfolgung“ wurde die Burschenschaft in ihrer Entwicklung jäh gestört und konnte in der folgenden Zeit nur im Untergrund oder in halblegaler Form überleben, ständig bedroht von neuen Untersuchungen der Behörden. An vielen Universitätsorten kam es zu Demagogenprozessen gegen Mitglieder der Burschenschaften, die mit Urteilen endeten, die vom Universitätsverweis bis hin zur Todesstrafe reichten und oft genug zu langen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen führten. Es spricht jedoch für die Überzeugungskraft der burschenschaftlichen Gedanken, dass sie trotz aller Verfolgung nicht verschwanden, sondern sich an den meisten Universitäten, wenn auch in abgeschwächter Form, halten konnten, bis sie dann im Zusammenhang der 1848er Revolution wieder zu neuer Blüte gelangten. Der ursprüngliche Elan der Burschenschaftlichen Bewegung war jedoch gebrochen.

Carl Ludwig Sand hatte sich in den Gedanken verstiegen, dass er durch seine Tat Deutschland befreien könne. Erreicht hat er das Gegenteil.

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erschienen in: academicus 39, November 2015