Besprechung: Kurzfilm über Walter Flex

von Bernd Preiß, Bubenreuther Erlangen (1992)

Das Kulturportal „Europeana“ hat einen gut viertelstündigen Film über den Weltkriegsdichter und Bubenreuther Burschenschafter Walter Flex (1887–1917) auf Youtube ins Netz gestellt.
Leider ist das Vergnügen für den Betrachter nicht ungetrübt. Über die Defizite bei Schauspielern, Sprechern oder Ausrüstung der offenkundigen Billigproduktion mag man hinwegsehen, der Eintrittspreis für den Film liegt schließlich bei einem Mausklick. Schlicht störend sind aber die im deutschsprachigen Film mitlaufenden deutschen Untertitel. Überdies ist die Eigenwerbung der Macher für ihr groß angelegtes Digitalisierungsprojekt derart langatmig, redundant und oft eingestreut, dass beim Zuschauer Ermüdungserscheinungen nicht ausbleiben können – allerdings ist der Film auch nicht als Flex-Film angekündigt, sondern läuft unter dem Titel „Ein digitales Gedächtnis für den Ersten Weltkrieg“.
Doch es gibt Gravierenderes auszusetzen als diese Äußerlichkeiten: Wenn Flex‘ bekanntester Roman, der „Wanderer zwischen beiden Welten“, als „nationalistisches Kultbuch“ (7.10) bezeichnet wird, dann sollte man erwarten, dass dies zumindest ansatzweise anhand des Werkes belegt wird. Es wird aber nur vermeldet, dass die Auflage nach 1933 stark anstieg und das Werk „in den Kanon der NS-Jugendpropaganda aufgenommen wurde“ – dies macht es aber noch nicht zu einem „nationalistischen Kultbuch“, sondern allenfalls zu einem „Kultbuch der National(sozial)isten“. Der „Nationalismus“ eines Werkes muss aus dessen Inhalt hergeleitet werden, nicht allein aus dessen Rezeption.
Die Burschenschaft kann beim Thema Walter Flex nicht völlig totgeschwiegen werden, also bekommt sie in aller Kürze ihr Fett weg: Es wird nur berichtet, dass die Bubenreuther sich der „Bekämpfung von drei Staatsfeinden verpflichtet sehen“, nämlich „Zentrum, Sozialdemokratie und Judentum“ (3.00). Da sich die Bubenreuther bekanntlich noch immer ihrer Existenz erfreuen, wäre es fair gewesen, die im historischen Präsenz gehaltene Filmaussage nicht unkommentiert in die Gegenwart zu entlassen.
Es gibt aber auch Szenen, die ansprechen: Die Passage zum Beispiel, in der Flex zu seinem berühmten Gedicht „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ inspiriert wird (4.10). Zunächst ungelenk eröffnet, vermag es die Sequenz dann aber doch, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Bewegend, bei allen äußerlichen Mängeln, ist die Szene, in der Flex auf dem Sterbebett eine letzte Feldpostkarte an die Eltern diktiert (11.00).
Fazit: „Politische“ Bildung wird an vielen Stellen zu „politisierter“ Bildung, die in Klischees verharrt (dies scheint ein allgemeiner Trend zu sein, man gebe nur einmal bei der Bundeszentrale für politische Bildung, bpb, das Suchwort „Burschenschaft“ ein). Der Film transportiert stellenweise zwar durchaus Gefühle, aber wenn es ein Ziel des Filmes war, zu echtem Verständnis für Denken, Motive und Empfindungen der Menschen früherer Zeiten beizutragen, dann wurde dieses verfehlt.

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erschienen in: academicus 38, Mai 2015