August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland

 

von Arnulf Baumann, Burschenschaft der Bubenreuther (1951)

Ob der Schöpfer der deutschen Nationalhymne einmal der Burschenschaft angehört hat, wird immer wieder in Frage gestellt. Eine genaue Analyse seiner eigenen Äußerungen und deren Vergleich mit dem, was über die Burschenschaftliche Entwicklung in seiner Studentenzeit bekannt ist, beweist, dass solche Zweifel unbegründet sind. Hoffmann ist aus der burschenschaftlichen Bewegung in ihrer Anfangsphase hervorgegangen und ist deren Idealen zeitlebens verbunden geblieben.


KINDHEIT UND STUDIENJAHRE

August Heinrich Hoffmann ist am 2. April 1798 in dem kleinen Landstädtchen Fallersleben (heute ein Stadtteil von Wolfsburg) als Sohn des Gastwirts, Kaufmanns und Bürgermeisters Heinrich Wilhelm Hoffmann und der Dorothea Eleonore Maria geborene Balthasar geboren. Von den zehn Kindern des Ehepaares erreichten nur vier das Erwachsenenalter. Ihr Geburtshaus, ein stattliches Fachwerkhaus, ist bis heute erhalten. Fallersleben gehörte zum Kurfürstentum, später Königreich Hannover, Gebiete des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel und Preußens waren in unmittelbarer Nähe.
Die Kindheit des dritten überlebenden Kindes war überschattet von den kriegerischen Auseinandersetzungen der Zeit, der Napoleonischen Kriege und der Befreiungskriege; mehrfach mussten durchziehende Truppen der einen oder anderen Seite ertragen werden. Das weckte schon früh das politische Interesse des Jungen und seine Sehnsucht nach einer Veränderung der politischen Verhältnisse.
Die weiterführende Schule besuchte Heinrich Hoffmann in Helmstedt und schließlich das altehrwürdige Catharineum in Braunschweig. Danach bezog er mit dem Sommersemester 1816 die hannoversche Landesuniversität Göttingen, um Theologie zu studieren. Doch sagten ihm die Lehrangebote der Fakultät so wenig zu, dass er zunächst zur klassischen Philologie neigte, dann jedoch – nach einem entscheidenden Gespräch mit dem Märchensammler Jacob Grimm, dem er zeitlebens verbunden blieb – zur deutschen Philologie wechselte, einer damals jungen Disziplin, in die er sich weitgehend als Autodidakt einarbeitete. Dabei entwickelte er schon früh einen besonderen Spürsinn für altdeutsche Handschriften, nach denen er erfolgreich in Bibliotheken und Trödelläden fahndete.
Von seinen Kindheitserfahrungen geprägt, begeisterte er sich in Göttingen für die Ideen der Burschenschaft, die sich allerdings gegenüber den übermächtigen Corps nicht durchsetzen konnten. So blieb es zunächst bei allgemeiner Sympathie. Als jedoch im Herbst 1818 in Jena der Allgemeine deutsche Burschentag einberufen wurde, auf dem Delegierte der inzwischen gegründeten Burschenschaften der meisten deutschen Hochschulen die gemeinsame Verfassung berieten und beschlossen, unternahm er eine ausgedehnte Fußwanderung nach Jena, wo er nach eigenem Bekunden an Sitzungen des Burschentages teilnahm, ohne selbst Delegierter sein zu können. Das war ein deutliches Zeichen seiner inneren Zugehörigkeit zur Burschenschaft.
Nach dem Attentat Karl Ludwig Sands auf den Schriftsteller August von Kotzebue im März 1819, als allen Burschenschaftern die Demagogenverfolgung drohte, wechselte er zur im Herbst 1818 neu gegründeten Universität Bonn über, wo der von Burschenschaftern verehrte Ernst Moritz Arndt lehrte und wo er sofort in Kontakt mit burschenschaftlich Gesinnten kam. Der Baumlange, wenig unter zwei Metern groß, war eine auffallende Erscheinung. Er übernahm schnell in der neu gegründeten Burschenschaft Verantwortung, zum Beispiel auch durch die Sammlung und Publikation der „Bonner Burschenlieder“ in deren Auftrag. Darin brachte er auch zwei selbstgedichtete Lieder unter einem Pseudonym heraus; sein Kneipname war „Poet“. Als sich die Demagogenverfolgung auch in Bonn abzeichnete, wurde die Burschenschaft in eine locker organisierte „Allgemeinheit“ umgewandelt, in der er ebenfalls eine führende Rolle gespielt zu haben scheint. Schon früh fügte er – um Verwechslungen mit anderen Namensträgern auszuschließen – seinem Namen die Herkunftsbezeichnung „von Fallersleben“ an, unter dem er seither bekanntgeworden ist.


ERFORSCHER NIEDERLÄNDISCHER UND DEUTSCHER LITERATUR

Inzwischen schon ein älteres Semester, verlagerte sich sein Interesse mehr und mehr auf seine philologischen Studien, die er 1819 bei einer Reise in die Niederlande und nach Flandern vertiefte. Hatte er schon zuvor einige skandinavische Sprachen erlernt, so eignete er sich nun eine große Vertrautheit mit der niederländischen Sprache an und fand bedeutende mittelalterliche Literaturdenkmale in den Bibliotheken des Landes. Insgesamt acht Forschungsreisen nach Flandern und in die Niederlande unternahm er im Laufe seines Lebens, deren Ergebnisse er in zwölf Bänden „Horae Belgicae“ veröffentlichte, in die er einige selbstverfasste, zunächst anonym gehaltene Lieder in altniederländischer Sprache aufnahm. Die Universität Leiden verlieh ihm 1823 in Anerkennung seiner Verdienste um die Begründung einer niederländischen Sprach- und Literaturwissenschaft die Ehrendoktorwürde.
Darüber hinaus durchforschte er viele Jahre hindurch die Bibliotheken Deutschlands und der Nachbarländer nach Bruchstücken mittelalterlicher deutschsprachiger Literatur und veröffentlichte diese jeweils zügig, wenn auch gelegentlich auf Kosten der Genauigkeit. Dadurch und durch einige zusammenfassende Darstellungen wurde er zu einem der Begründer der Germanistik. Auch eine Geschichte des deutschen Kirchenlieds bis zu Luther, die er in drei Auflagen stetig erweiterte, hat er verfasst.


AKADEMISCHE KARRIERE UND IHR ENDE

Auf Grund seiner Forschungstätigkeit lag es für ihn nahe, eine akademische Laufbahn anzustreben. Doch ergaben sich mancherlei Schwierigkeiten: Zunächst ging es darum, ob sein niederländischer Ehrendoktor als Qualifikation ausreichte. Vor allem aber fehlte es an Stellen für die noch junge germanistische Wissenschaft. So musste er sich mit Halbjahres-Zeitverträgen als Bibliothekar an der Breslauer Universitätsbibliothek durchschlagen, was er auf Dauer als diskriminierend empfand und sich deswegen mit Vorgesetzten und Kollegen anlegte. Erst 1830 wurde er zum außerordentlichen Professor für deutsche Sprache und Literatur in Breslau berufen, erst 1835 zum ordentlichen Professor.
Die Lehrtätigkeit ermöglichte es ihm schließlich, die ungeliebte Bibliothekarsarbeit aufzugeben und sich ganz der Wissenschaft sowie seinen dichterischen Neigungen zu widmen. 1840 veröffentlichte er seine „Unpolitischen Lieder“, in denen er sich über Missstände der Gesellschaft – Verweigerung der bürgerlichen Freiheiten, Zensur, Adelsstolz, militärischer Drill – in mehr oder weniger subtilem Spott äußerte. Damit hatte er offenbar einen Nerv der Zeit getroffen, denn das Buch wurde ein großer Erfolg und machte ihn in ganz Deutschland bekannt.
Das rief allmählich die Reaktion des preußischen Staates auf den Plan, der die Grundfesten seiner Ordnung angegriffen sah. Im April 1841 wurde er von seiner Professur suspendiert, im Dezember desselben Jahres aus dem Staatsdienst entlassen, ohne jeden Gehalts- oder Pensionsanspruch.
Das hielt ihn nicht davon ab, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten und noch eine beachtliche Zahl von entsprechenden Publikationen herauszubringen. Er konnte sehr intensiv arbeiten, brauchte jedoch auch die Zerstreuung durch Pflege der Geselligkeit. Aber von nun an begann ein Leben als freier Schriftsteller und Dichter, wobei es ihm zustatten kam, dass er seit jeher gern und viel gereist war und dass er in seinen Liedern und Gedichten oft den Volksliedton traf, so dass sie leicht und von namhaften Komponisten vertont werden konnten.


WANDERJAHRE ALS FREIHEITLICHER DICHTER

Hoffmann musste seine Wohnung in Breslau aufgeben, später auch seine wertvolle wissenschaftliche Bibliothek verkaufen und ohne festen Wohnsitz bei Freunden und Bekannten unterkommen, immer wieder durch Ausweisungsbeschlüsse örtlicher Behörden und schließlich durch Ausweisung aus ganz Preußen weitergetrieben. Das erhöhte jedoch seine Beliebtheit beim liberalen Bürgertum und bei den Studenten, von denen er oft mir Fackelzügen und Hochrufen geehrt wurde. Er trat oft selbst als Sänger und Rezitator seiner Lieder auf, was er genoss. Durch fleißiges Publizieren von Gelegenheitsgedichten und -liedern und durch deren eigenhändigen Verkauf konnte er sich finanziell gut erhalten. Auf die Unterstützung seiner Freunde, darunter viele alte und junge Burschenschafter, konnte er sich verlassen. Aber auf Dauer brachte ihm dieses Wanderleben doch keine Befriedigung. Schließlich erwarb er 1845 durch einen von Freunden ausgedachten juristischen Trick das Bürgerrecht in Mecklenburg und hatte so wieder einen festen Standort. Im Zuge der Märzrevolution von 1848 wurden die Beschränkungen für ihn aufgehoben und er erhielt wieder ein regelmäßiges Wartegeld. Obwohl er verschiedentlich dazu aufgefordert wurde, griff er nicht aktiv in das politische Leben ein und versagte sich einer Kandidatur für das Paulskirchenparlament; er wollte bei seiner Sache bleiben, dem Kampf mit der Feder.
Nach dem Scheitern der 1848er-Revolution musste er wieder mit lokalen Ausweisungen rechnen, konnte sich aber nach seiner Hochzeit einen festen Wohnsitz im Rheinland leisten. 1854 wurde er durch Vermittlung des mit ihm befreundeten Komponisten Franz Liszt als Bibliothekar und Herausgeber einer Kulturzeitschrift nach Weimar berufen, wo er sich lebhaft am kulturellen Leben der Stadt beteiligte.


SPÄTES EHEGLÜCK

Hoffmann von Fallersleben hatte sich seit jungen Jahren immer wieder verliebt, wobei er seine Angebeteten meist in vornehmen Kreisen fand. Daraus sind viele Liebesgedichte erwachsen, die er regelmäßig veröffentlichte. Doch angesichts seiner ungesicherten Lebensstellung erfuhr er immer wieder Abweisungen, die ihm schwer zu schaffen machten. Erst im Alter von über fünfzig Jahren konnte er seine Nichte, die achtzehnjährige Pastorentochter Ida zum Berge aus Bothfeld bei Hannover, heiraten. Es wurde eine glückliche Ehe. Die erste Tochter starb noch im Kindesalter, der Sohn Franz wurde 1855 geboren. Nach der Totgeburt eines dritten Kindes starb seine Frau jedoch schon 1860. Seine Ehe hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Unrast, die ihn viele Jahre lang umgetrieben hatte, nachließ.
Wie sehr er dem Familienleben zugewandt war, zeigte sich in seinen Kinderliedern, die er im Laufe seines Lebens dichtete und die zu den bekanntesten deutschen Kinderliedern wurden, z. B. „Alle Vögel sind schon da“. Mit 62 Jahren wurde Hoffmann durch den ihm schon früher bekannten Herzog von Ratibor als Bibliothekar in das ehemalige Benediktinerkloster Corvey bei Höxter an der Oberweser berufen, wo er eine bedeutende Bibliothek zu betreuen hatte und sich noch einmal seinen wissenschaftlichen Interessen widmen konnte. Dort starb er, nachdem er noch die staatliche Einigung Deutschlands erlebt hatte, nach einem Schlaganfall zu Anfang des Jahres 1874.


DAS „LIED DER DEUTSCHEN“

Bei einem Besuch auf der damals englischen Insel Helgoland im Jahre 1841 entstand das „Lied der Deutschen“, das sich schnell mit der Melodie der österreichischen Kaiserhymne Josef Haydns verbunden hat – viele andere Vertonungen haben sich nicht durchgesetzt. In diesem Lied fasste er seine Jugendideale zusammen. Es wurde schnell populär, weil es die Sehnsucht der Deutschen in klassische Form brachte. Bei der 75-Jahrfeier der Burschenschaft 1890 wurde es in Jena gesungen, ebenso beim Staatsakt anlässlich der Aufnahme Helgolands in das Deutsche Reich im gleichen Jahr.
1922 von Reichspräsident Friedrich Ebert zur Nationalhymne erklärt, wurde es 1933 mit dem sogenannten „Horst-Wessel-Lied“ verbunden. Die ursprünglich als Liebeserklärung an das Vaterland gedachte erste Strophe – „Deutschland, Deutschland über alles!“ – wurde in diesem Zusammenhang als Ausdruck nationalistischen Hochmuts missverstanden. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer ließ ab 1950 die bis dahin im Schatten der ersten Strophe stehende dritte Strophe als Nationalhymne singen. Es ist bisher kaum bewusst geworden, dass die Sehnsuchtsaussage „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!“ eine Zusammenfassung der alten burschenschaftlichen Ideale war und dem burschenschaftlichen Wahlspruch „Ehre – Freiheit – Vaterland“ sehr nahe kommt. Mit diesem Lied hat Heinrich Hoffmann von Fallersleben dem Streben nach einer freiheitlich-demokratischen Gestaltung des deutschen Staatswesens gültigen Ausdruck verliehen.

__________________________________________

erschienen in: academicus 38, Mai 2015