Die Burschenschaft im Ersten Weltkrieg

Teil 2

 

von Dr. Harald Lönnecker, Normannia-Leipzig zu Marburg (1984)

Die Burschenschaften waren seit dem Sommer 1914 fast durchgängig vertagt. Etliche Häuser wurden seit Herbst 1914 geöffnet, zu Lazaretten, Erholungs- und Kinderheimen umfunktioniert. Ab Ende 1914 und vor allem ab 1915/16 nahmen die Burschenschaften den Aktivenbetrieb wieder auf, meist handelte es sich um als kriegsbeschädigt entlassene Studenten oder zum Studium beurlaubte Verwundete. Die Universitäten und Hochschulen waren nicht geschlossen worden, das „akademische Leben lief weiter“.
Von den meisten Verbindungen waren zwischen 60 und nahezu 95 Prozent der Mitglieder beim Militär, der „Rest [...] wurde aufgrund hohen Alters oder Untauglichkeit nicht [rekrutiert]. Die nicht kriegsverwendungsfähigen Burschenschafter versahen mit ihren Familien Krankenhilfsdienste, Tätigkeiten bei den Truppenversorgungsstellen oder“ – so vornehmlich die Ingenieure – „engagierten sich später bei der Instandhaltung des Kriegsmaterials oder in Untersuchungskommissionen, u. a. der Sturzkommission zur Untersuchung von Flugzeugunfällen“. Die Daheimgebliebenen „veranstalteten Liebesgabensammlungen, um ihre Verbandsbrüder mit ‚Strümpfen, Pulswärmern, Leibbinden‘ zu versorgen“. Die Zusammenfassung und das Engagement trugen zur selbstorganisierten Herausbildung einer „Heimatfront“ mit Unterstützungszweck für die Frontkämpfer bei, wobei die Ausprägung der Hilfe verschiedenste Formen annehmen konnte und von der Versendung von „Liebesgaben“ über „Gedächtnisminuten“ und Genesungsaufenthalte für Verwundete bis hin zu einem reichen, angesichts des Massenkriegs psychischen Halt und Kraft zu vermitteln suchenden Schriftverkehr reichte, der seinen Niederschlag auch in zahlreichen Periodika fand: „Der Zusammenhalt wird aber durch einen regen Briefwechsel des einen mit dem andern im Felde gewahrt.“
Seit 1908/09 waren die 1915 und 1917 anstehenden 100-Jahrfeiern von Burschenschaft und Wartburgfest geplant worden, nach Kriegsausbruch wurden sie auf die Zeit nach dem Krieg verschoben. Nur im kleinen Rahmen wurde auf Häusern und in der Etappe gefeiert. Das für die Feiern bereits gesammelte Geld ging zum Großteil dem „Akademischen Hilfsbund (AHB) zum Besten der akademischen Kriegsverletzten“ zu, der sich zur wichtigsten Organisation dieser Art überhaupt entwickelte. Sein Gründer war im April 1915 der Schriftleiter der „Burschenschaftlichen Blätter“, der Schriftsteller und nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Hugo Böttger (Arminia a. d. B. Jena). Dem AHB gehörten rasch über 100 Korporationen und ihre Verbände an, dazu akademische Berufsverbände, sämtliche Universitäten und Hochschulen sowie eine große Anzahl natürlicher und juristischer Personen. Er sah seine Hauptaufgabe in der „Praktische[n] Arbeit der Kriegsbeschädigten-Fürsorge: 1. Berufsberatung, 2. Arbeitsvermittlung, 3. Geldunterstützung, 4. Literaturbeschaffung, 5. akademische Fürsorge“. Der Hilfsbund richtete die Helmstedter Burse als Erholungsstätte ein und schuf in Marburg und Berlin Blindenheime. Am 7. Juli 1917 entstand aus ihm heraus zudem eine „Reichsstelle für akademische Berufsberatung“. Die Tätigkeit des AHB wurde erst durch die Inflation unterbunden, obwohl er noch bis weit in die 1920er Jahre hinein bestand.


KRIEGSZIELE

Noch in anderer Hinsicht stachen die Burschenschaften hervor: Sie anscheinend waren die einzigen Korporationen, die eine Kriegsziel-Debatte führten, die Diskussion, mit welchem Ziel der Krieg von den Mittelmächten eigentlich geführt wurde. Reichstagsabgeordnete wie Hugo Böttger taten ihre Meinung kund, aber als Verband führte eine Kriegsziel-Debatte nur die Burschenschaft der Ostmark (BdO). Begründet war das einmal in der Struktur des Verbands: Die in hohem Maße zerstrittenen österreichischen Burschenschaften hatten seit 1889 zwar mehrere Verbände gebildet, die aber alle an inneren Streitigkeiten zu Grunde gingen. Erst 1907 gelang die Gründung der BdO, was in erster Linie dem mehr oder weniger sanften Druck der Alten Herren zu verdanken war, die im Verband eine beherrschende Stellung behielten und ihn in ruhiges Fahrwasser lenkten. Die zweite Besonderheit war die hochgradige Politisierung, die Verankerung im deutschfreiheitlichen Lager Österreichs, das seit den Wahlen von 1913 ein Drittel aller Mandate im Parlament, dem Reichsrat, auf sich vereinigte. Innerhalb dieses Lagers bildeten vor allem die Burschenschaften eine „Basis“, aus der sich das Führungspersonal rekrutierte. Als sich die Bewegung Anfang 1902 in die „Deutschradikalen“ oder „Freialldeutschen“ des Abgeordneten Karl Hermann Wolf – Gründer und Alter Herr der Burschenschaft Ghibellinia Prag – und die „Deutschnationalen“ oder „Alldeutschen“ Georg von Schönerers – Ehrenmitglied zahlreicher Korporationen, darunter auch Burschenschaften – spaltete, hatte dies auch Rückwirkungen auf die Korporationen. Schönerers Programmatik hatte seit seinem „Linzer Programm“ von 1882 nicht nur einen mittelständisch-agrarischen Zuschnitt, sondern auch eine starke nationale Komponente. Er verlangte die Bevorzugung der deutschen Sprache als Amtssprache und die Zusammenfassung der deutschsprachigen Kronländer Österreichs einschließlich Böhmens und Mährens und deren engeren Anschluss an das Deutsche Reich, was praktisch die Zerschlagung Österreich-Ungarns bedeutet hätte und in den Augen der Behörden Landesverrat war. Wolfs Anhänger waren nicht weniger national, aber etwa in der Anschlussfrage moderater, wie ab 1915 spürbar wurde.
Die Führung durch Alte Herren machte die BdO im Gegensatz zu anderen Verbänden auch während des Krieges handlungsfähig. Sie kümmerte sich wie die Verbände im Reich vorrangig um die Versorgung und Betreuung kriegsbeschädigter Burschenschafter, die Stellenvermittlung für Invalide und Heimkehrer, führte über verschiedene Reichsratsabgeordnete aber auch interfraktionelle Verhandlungen über „Forderungen der Deutschen Österreichs zur Neuordnung nach dem Kriege“. Aus den gebrachten Opfern wurde der Anspruch abgeleitet auf von der Regierung zu gebende Garantien hinsichtlich der Sicherung gegen die weitere Slawisierung an den Sprachgrenzen und die gesetzliche Festschreibung der deutschen Sprache, Schule usw. in den deutschsprachigen Kronländern. Das Reichsrats- und einzige deutschnationale Herrenhausmitglied, Rechtsanwalt Dr. Karl Beurle (Libertas Wien, Germania Leoben), fasste das in die Worte: „Nichts wäre schrecklicher und alles Blut wäre umsonst geflossen, wenn nicht der Krieg eine solche Erneuerung unseres Staates und unseres Volkstums mit sich brächte, welche allein imstande sein wird, für die geradezu übermenschlichen Opfer zu entschädigen, die von den verbündeten Staaten und ihren Bewohnern, unter ihnen insbesondere vom deutschen Volke, gebracht werden. [...] Was wir also in der Zukunft brauchen, und was der Staat ebenso braucht wie das deutsche Volk, ist eine Sicherstellung des deutschen Elementes im Staate Österreich, die Sicherstellung der deutschen Staatssprache, [...] den Ersatz der Postulatenpolitik durch eine Politik der staatlichen und völkischen Notwendigkeiten. [...] In diesem Sinne ist auch der Burschenschaft ihr Arbeitsfeld gewahrt: als die gebildete Jugend, als eine nationale Gemeinschaft, die überall ihre Mitglieder, Freunde und Anhänger hat, ist sie berufen, an dem Zustandekommen [...] großzügig mitzuwirken, dahin zu streben, dass diese öffentliche Meinung über die Notwendigkeiten nach dem Kriege eine unwiderstehliche Kraft erlange.“
Künftige Aufgabe der Deutschen Österreichs sei es, trotz aller Friktionen unter vergangenen und künftigen Regierungen „den Staat Österreich zu erhalten, in ihm die deutschfeindlichen [tschechischen, polnischen, italienischen usw., H. L.] Kräfte zu binden, zum Wohle des eigenen Staates, wie auch zum Wohle des Deutschen Reiches und zum Wohle des deutschen Gesamtvolkes“. Die unbedingte Bekämpfung des „nationalen Irredentismus“ der anderen Nationalitäten sei erforderlich und die Erhaltung eines starken Österreichs stehe im „nationale[n] Interesse der Deutschen Österreichs“. Nur wenige Burschenschaften hielten dagegen am alten, geringfügig modifizierten Schönerer-Standpunkt fest.
Trotz eines uneingeschränkten Nationalismus stand nicht mehr die unbedingte Schönerer-Option der Abtrennung der deutschen Gebiete Österreichs und ihre Vereinigung mit dem Deutschen Reich im Vordergrund, sondern die Erhaltung der Donaumonarchie bei Vorherrschaft der deutschen Volksgruppe zwecks fester Bindung der nichtdeutschen Nationalitäten an ein deutsches Mitteleuropa, die anderen Mächten – in erster Linie Russland – die Vereinnahmung vor allem der slawischen Völker unmöglich machen sollte. Die Burschenschaften dachten sich Österreich als ein deutsches Glacis, eine Vorfeldbefestigung, die die russischen Ambitionen möglichst weit vom deutschen Kernraum fernzuhalten hatte. Gegenüber der immer wieder geforderten Einheit aller Deutschen in einem deutschen Staat war das ein bemerkenswertes Umdenken, wurde doch die Lebensberechtigung Österreichs nicht mehr geleugnet, die Existenz zweier deutscher Staaten vielmehr gerechtfertigt und anerkannt. Ändern sollte sich das erst mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie Ende 1918.


UNMITTELBARE AUSWIRKUNGEN

Der Krieg in allen seinen Ausprägungen hatte deutliche Veränderungen in Einstellungen und Meinungen der Burschenschafter zur Folge. Denn „[d]raußen im Felde fand infolge der eisernen Kampfesgemeinschaft ein einträchtiges Zusammenleben der Mitglieder aller Verbände statt“. Es gab kaum mehr Unterschiede zwischen Burschenschaftern und Corpsstudenten, Landsmannschaftern, Turnerschaftern und Sängerschaftern. Selbst den nichtschlagenden Verbänden gegenüber gaben die Waffenstudenten ihre einstmals sorgsam gepflegte Abneigung und Arroganz auf, schlugen sie sich doch nicht weniger tapfer als sie – auch ohne die Pflege der Mensur in der Vorkriegszeit.
Wurde hier der Grund gelegt für das Entstehen des Allgemeinen Deutschen Waffenrings (ADW) und des Erlanger Verbände- und Ehrenabkommens (EVEA), so war von unmittelbarer Bedeutung für die Burschenschaften der Zusammenschluss in einem Verband, besonders betont auf der 10-Jahrfeier der BdO am 20. Mai 1917, der einzigen größeren Korporationsfeier im Krieg. Die Bereitschaft zur Annäherung wurde durch die „Gemeinschaft des Grabenkampfes“ ungeheuer gefördert, auf „den Schlachtfeldern und in den Schützengräben kämpften Angehörige der farbentragenden und der schwarzen Verbindungen, der schlagenden und der keine Waffengenugtuung gebenden Verbindungen und Studenten, die keiner Verbindung angehörten, Schulter an Schulter und lernten sich gegenseitig kennen und schätzen; auch auf die an den Hochschulen Weilenden wirkte sich das aus, traten die Gegensätze zwischen den verschiedenen Verbindungen und Verbänden in den Hintergrund.“ Die vor 1914 als unüberwindlich angesehenen Trennungsgründe schwanden mehr und mehr und mündeten 1919 in die Vereinigung der burschenschaftlichen Verbände: Bereits im Januar traten die im Rüdesheimer Verband zusammengeschlossenen Burschenschaften an Technischen Hochschulen der Deutschen Burschenschaft bei, Anfang August folgte die BdO. Nach Hugo Böttgers – und nicht nur seiner – Auffassung war das Ergebnis des Krieges für die Burschenschaften „ein überaus erfreuliches“, für „unser deutsches Vaterland aber“, so schrieb er, „ist die Zukunft von Dunkel erfüllt. Notwendiger denn je ist burschenschaftliche Arbeit“.

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erschienen in: academicus 38, Mai 2015