Die Gießener Schwarzen und der Ehrenspiegel

von Felix Moll

Jena gilt zu Recht als Geburtsort der Burschenschaft. Aber auch in Gießen gab es eine frühe Burschenschaftliche Bewegung, von der zwar wichtige Impulse ausgingen, die jedoch an ihrer eigenen Radikalisierung scheiterte. Ihre Entwicklung stand maßgeblich unter dem Einfluss der Gebrüder Follen.
So war es August Ludwig Follen, der dem damaligen Rektor der Universität Gießen im November 1814 die Errichtung einer „Teutschen Lesegesellschaft zur Erreichung vaterländischer wissenschaftlicher Zwecke“ bekanntmachte. Die Gesellschaft hatte die volkstümliche Ausbildung durch das Lesen deutscher Schriften und gemeinsames Turnen zum Ziel. Die wöchentlichen Treffen wurden, da der Universitätsrektor die Nutzung eines Hörsaals verwehrte, in einem Privathaus abgehalten. Die Treffen sollten, entgegen den Bräuchen der Landsmannschaften, allen Studenten offenstehen.
Doch schon diese Vereinigung zerschlug sich bereits wenige Monate nach der Gründung in zwei Lager: Die eine Partei, zu der sich auch die Gebrüder Follen zählten, lehnte den alten landsmannschaftlichen Komment ab und forderte eine Abschaffung oder zumindest Einschränkung der Duelle. Die andere Partei wollte am alten Komment festhalten.
Aufgrund einer Vielzahl von Duellen zwischen den beiden Parteien schritt schließlich das Disziplinargericht der Universität ein und erließ ein Verbot gegen die Gesellschaften. Die sich schon hier abzeichnenden Streitigkeiten zwischen kommentfreundlichen und kommentfeindlichen Parteien sollten das Studentenleben einiger, insbesondere Karl Follens, jedoch noch weitere Jahre bestimmen.
Aus den Anhängern des alten Komments bildeten sich die drei Landsmannschaften Hassia, Constantia und Nassovia. Die kommentfeindliche Partei konstituierte sich Anfang Juni zur „Germania“ bzw. zum „Germanenbund“. Zu dieser Zeit war August Ludwig Follen schon als Führer abgesetzt, da er wegen Abschlagung eines Duells der Feigheit bezichtigt wurde und somit nach Heidelberg übersiedelte.
Die Mitgliederzahl des geheimen Germanenbundes wurde bewusst niedrig gehalten. Ziel der Vereinigung war es, die Gießener Studenten durch moralisches Übergewicht zu lenken. Ihr Bundeszeichen waren die Buchstaben M H B G für „Im Herzen Muth, Trotz unterm Huth, am Schwerte Blut, macht alles Gut“. Auch hier zeigen sich die blutrünstigen Bilder aus der Zeit der Befreiungskriege, welche weiterhin Bestandteil der Reden Karl Follens waren.
Um sich weiter von den Landsmannschaften abzuheben, wandelte sich der Germanenbund am Anfang des Wintersemesters 1815/16 in den „Deutschen Bildungs- und Freundschaftsverein“ um, für den eigens eine Satzung entworfen wurde. Innerhalb des Vereins erlangte Karl Follen rasch hohes Ansehen und wurde schnell stillschweigend als Anführer der Vereinigung angenommen.
 Karl Follen war auch Miturheber der Verfassung des Vereins. Die Verfassung weist schon starke Parallelen zu dem späteren Gießener Ehrenspiegel auf. So sind auch hier schon das Gleichheitsprinzip unter allen Mitgliedern und eine deutsch-nationale Ausprägung festgelegt.
Doch auch dieser Zusammenschluss hielt nicht lange. Im Dezember 1815 kam es zu einem Duell zwischen Angehörigen des Deutschen Bildungs- und Freundschaftsvereins und den Landsmannschaften. Der Zusammenstoß führte zu einer Relegation aller Beteiligten, diese wurde jedoch durch ein Gnadengesuch wieder aufgehoben. Auch Karl Follen war unter den Duellanten.
Aufgrund einer Anzeige der gegnerischen Landsmannschaft erstreckte sich die Untersuchung auch auf Verschwörungstendenzen innerhalb des Vereins. Dieser löste sich, um einem gerichtlichen Verfahren zuvorzukommen, selbst auf. Die Mitglieder führten jedoch einen formlosen Verein, ohne Namen, Symbole oder Gesetze, fort. Weiterhin wurden wissenschaftliche Kollegien veranstaltet und auch die sittlich-moralischen Grundsätze wurden beibehalten.


ERSTER EINIGUNGS­VERSUCH
Inspiriert durch die Ereignisse in Jena, wo sich die dort bestehenden Landsmannschaften zu einer einzigen Burschenschaft zusammenschlossen, wurde im Sommer 1816 sogar von Vertretern der hiesigen Landsmannschaften der Vorschlag gemacht, die Gießener Studenten zu vereinigen. Gegen Ende des Sommersemesters fand eine allgemeine Burschenversammlung statt, auf der die Aufhebung aller Studentenverbindungen, die Annahme des Gleichheitsprinzips unter allen Studenten, die Abschaffung des alten Kommens und die Errichtung eines neuen Ehrengerichts zur Vermeidung von Duellen beschlossen wurde. Zur weiteren Verhandlung wurden weitere Versammlungen festgelegt, zu denen jeder Student Zugang erhalten sollte. Der neue Universitätsrektor Arens untersagte jedoch diese Beratung unter Androhung der Relegation. Dies führte dazu, dass die Gruppen sich abermals zerstritten.
Die Wahl eines liberalen Rektors führte im Winter 1816 zu einer neuen Burschenversammlung, an der mit 200 Mann fast alle Studenten der Universität teilnahmen. Bei der Versammlung sollte über den inzwischen von Karl Follen und anderen Gießener Schwarzen fertiggestellten Verfassungsentwurf, den Gießener Ehrenspiegel, entschieden werden.
Noch bevor es jedoch zur Besprechung des Vorschlages kam, verwies einer der Vertreter der Landsmannschaften abermals darauf, dass sie die einzigen konstituierten Verbindungen seien und damit allein das Recht hätten, über Fragen des Komments zu entscheiden. Diesem Beitrag folgend, verließen zwei Drittel der anwesenden Studenten den Saal.
Die übriggebliebenen 60–70 Studenten nahmen den Ehrenspiegel als Verfassung an. Sie konstituierten sich 1816 als „Christlich-teutsche Burschenschaft“.


DER EHRENSPIEGEL

Der im Wesentlichen von Follen erstellte Gießener Ehrenspiegel war in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus und beeinflusste die Verfassungsentwicklung vieler anderer deutscher Universitäten. Das Ziel des Ehrenspiegels beschreibt Karl Follen in einem Brief wie folgt: „Einen freien christlichen deutschen Burschenstaat zu gründen, welcher, aufhebend aller Stammesverschiedenheiten, alles auf bloße Gewalt oder Gewohnheit sich stützendes Ansehen, im Großen alle Universitäten Deutschlands mit gleichen Grundgesetzen umfassen und besonders wiederum auf jeder einzelnen Universität bestehen und sich ausbilden sollte als Bild und als Teil des Ganzen.“
Auch aus der Einleitung des Ehrenspiegels geht die Zielsetzung hervor, unter den Studenten völlige Gleichheit und Gerechtigkeit herzustellen. Eine solche Tendenz war insbesondere dem landsmannschaftlichen Komment fremd.
Trotz der Gleichheit ergeht jedoch für jeden Burschen die Verpflichtung, christlich und deutsch zu leben. Dies implizierte jedoch auch den Ausschluss von Nichtchristen und Ausländern. Als Begründung dafür gibt Karl Follen an, dass „eine freie, innige Verständigung, ein herzliches, vollkommenes Auf- und Anschließen (…) nur denkbar bei solchen [ist], welche durch Gleichartigkeit der Sprache und Geschichte, des Blutes, Glaubens und der Erziehung, der damit eng verbundenen Gemüthslage, Denk- und Handlungsweise, ja durch ein irdisches und himmlisches Ziel – Staat und Kirche – einander verwandt und verständlich sind.“
Der Ehrenspiegel gibt weiterhin auch eine Definition des Ehrbegriffs. Die Ehre wird hier in eine innere und äußere Ehre unterteilt. Die innere Ehre wird beschrieben als eine „das innere Wohl bedingende freie Selbstachtung“, also die Würde des ­Menschen, die auf Selbstachtung beruht. Und die äußere Ehre, also der gute Ruf, wird beschrieben als „das äußere Freiheitswohl bedingende öffentliche Achtung“. Diese Aufteilung des Ehrbegriffs hat bis heute zum Beispiel in der Jurisprudenz ihre Geltung.
Im Falle einer Ehrverletzung sieht der Ehrenspiegel ein Ehrengericht vor. Das Duell soll nach dem Ehrenspiegel nur Ultima Ratio sein. So heißt es: „So lange aber nach den Burschengesetzen auf dem Wege des Rechts oder gütlicher Ausgleichung eine Streitsache entschieden werden kann, darf bei einem rechtlichen Zustand der Burschenschaft nie durch Kampf eine Beleidigung gesühnt werden.“
Sollte dieser Fall trotzdem eintreten, ist im letzten Teil des Ehrenspiegels eine genau geregelte Kampfordnung enthalten. Diese Kampfordnung verzichtet völlig auf Anlehnungen an bestehende Duellregeln. Der Gießener Ehrenspiegel sollte sich nach weiteren Kämpfen der beiden Parteien auf dem Wartburgfest schließlich – zumindest in Teilen – für die Verfassung der Jenaischen Burschenschaft durchsetzen.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Karl Follen nahm innerhalb der Gießener Studentenbewegung eine zweifellos führende Rolle ein. Ob er durch seine Unnachgiebigkeit jedoch der Einigung der Gießener Studentenschaft mehr geholfen als geschadet hat, mag zweifelhaft erscheinen.

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erschienen in: academicus 38, Mai 2015