Die Verfassungsurkunde der teutschen Burschenschaft zu Jena

Das Jenaische Verfassungswerk diente Burschenschaften an vielen Hochschulorten als Vorbild. Die hier auszugsweise vorliegende Version (entnommen aus: Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena, Band 3/IV.1, Wiemar 2005) der Verfassung der Jenaer Burschenschaft trat am 21. Juni 1819 in Kraft. Sie baut auf Vorgängerversionen auf und hat eine stattliche Länge: Zusammengenommen 740 Paragraphen umfassen die vorangestellte „Verfassungs-Urkunde der allgemeinen teutschen Burschenschaft“, der „Allgemeine“ und der „Besondere Theil“ sowie der „Brauch“. Hinzu kommt eine mehrseitige Einleitung. Dies mag uns heute als frühdemokratischer Regelungsüberschwang erscheinen, doch enthalten diese 740 Paragraphen auch all das, was heutzutage üblicherweise in Geschäfts-, Kassen-, Fecht- oder Hausordnungen ausgelagert wird (die Jenaische Verfassung umfasste tatsächlich bereits eine Hausordnung für das angemietete „Burschenhaus“). Der vorliegende Beitrag ist auf Paragraphen des „Allgemeinen“ und „Besonderen Theils“ beschränkt, der Fokus liegt auf dem Bundesleben.



ALLGEMEINER TEIL

§ 1.
Die Jenaische Burschenschaft, als ein Theil der allgemeinen teutschen Burschenschaft, ist die Vereinigung aller der Jenaischen Burschen, die die, in der allgemeinen Verfassungsurkunde aufgestellten, Grundsätze als die ihrigen anerkennen und durch den Beitritt in die Burschenschaft sich zu denselben bekannt haben.

§ 2.
Der Zweck der Jenaischen Burschenschaft muß also der der allgemeinen teutschen Burschenschaft sein und sie will jenen Zweck in ihrem Wirkungskreise durchführen und für sich nach dem aufgestellten Ziele streben.

§ 3.
So also will sie, auch für sich, die Idee der Einheit und Freiheit des teutschen Volkes ins Leben ­einführen;

sie will in Jena ein volksthümliches, rechtes ­Burschenleben in Einheit, Freiheit und Gleichheit, in der Ausbildung geistiger und leiblicher Kraft und in einen frohen, jugendlichen Zusammenleben befördern und erhalten; sie will in der geordneten Gemeinheit ihre Mitglieder zum Dienste des Vaterlandes vorbereiten.

§ 9.
Um sich (…) ihr Daseyn selbst zu sichern, errichtet die Burschenschaft eine Verfassungsurkunde, in der sie ihre Verhältnisse in gehöriger Ordnung darlegt, so daß jedes Mitglied den Sinn und Geist der Burschen­schaft erkennen und zugleich sich unterrichten könne, in welchen Verhältnissen es stehe und was es zu thun und zu lassen habe, um als Glied der Gemeinheit angesehen werden zu können.

§ 15.
Um die althergebrachten ritterlichen Uebungen des Fechtens im Burschenleben zu erhalten, zugleich, damit ein jedes Mitglied der Burschenschaft tüchtig werde, dem Kampf für seine Ehre hinlänglich vorbereitet entgegen gehn zu können, richtet die Burschenschaft einen Fechtboden ein. Sie begünstigt aber auch die sonstigen Leibesübungen der Burschen, weil sie erkennt, daß die körperliche Ausbildung wesentlich zur teutschen Bildung überhaupt gehöre. Daher steht der Turnplatz unter ihrem Schutz.

§ 16.
Um das Zusammenleben der Burschenschaftsmitglieder in Freundschaft und Fröhlichkeit zu befördern, miethet sie ein Burschenhaus und thut in demselben Alles, was seinen Zweck befördert.



BESONDERER TEIL

§ 21.
Der Vorstand ist der Vertreter der Burschenschaft und vor ihn gehören alle ­Sachen, welche die gesammte Burschenschaft betreffen. Er übt in ihrem Namen richterliche, vollziehende, aufsehende und verwaltende Macht aus.

§ 22.
Vor Allen hat er über das Ansehn und die Ehre der Burschenschaft zu wachen und sie mit allen seinen Kräften aufrecht zu erhalten.

§ 23.
Die richterliche Gewalt übt er aus, indem er alle ihm vorgelegten Fälle nach dem Gesetze entscheidet, oder wo keins derselben auf den gegebenen Fall paßt, nach Analogie der bestehenden Gesetze und nach Pflicht und Gewissen.

§ 24.
Er hat die vollziehende Gewalt, indem er die Beschlüsse der Burschenschaft in Ausführung bringt.

§ 36.
In den Sitzungen des Vorstandes hat er auf Ruhe und Ordnung zu sehn und daher das Recht, die Stimmgebenden zu unterbrechen. Bei allen Sachen, die in denselben verhandelt werden, hat er den Vortrag und die erste Stimme.

§ 129.
Die Burschenschaftsversammlungen haben den Zweck:
1) Die Burschenschaft durch ihre Vertreter zu benachrichtigen, was sich Gemeinwichtiges ereignet hat.
2) Vorschläge an die Gesammtheit zu bringen, sie mögen neue Gesetze betreffen oder andere Dinge.
3) Klagen wegen gesetzwidrigen Verfahrens des Vorstandes und Aus­schusses anzustellen.
4) Berufungen und Vertheidigungen vorzubringen.
5) Berathungen vorzunehmen
6) Im nöthigen Falle Abstimmungen anzustellen.
7) Die nöthigen Wahlen vorzunehmen.
8) Neue Mitglieder aufzunehmen.

§ 131.
Die erste Versammlung im Halbjahr wird binnen der ersten vierzehn Tage nach Anfang der Vorlesungen gehalten. In ihr und einer folgenden geht die Wahlhandlung vor sich. In der ersten ordentlichen Versammlung darauf wird der Abschnitt über Burschenschaftsversammlungen und das Abgabegesetz vorgelesen.

§ 136.
Jeder sitzt in der Versammlung mit unbedecktem Haupte. Das Tabakrauchen, so wie das Mitbringen von Hunden ist streng verboten. So müssen auch alle Unterredungen und laute Aeußerungen des Beifalls und Mißfallens unterlassen werden.

§ 141.
Es ist einem Jeden gestattet, seine Meinung in der Versammlung zu sagen; nur hat er es auf eine, der Achtung vor der Versammlung angemeßene Weise zu thun.
§ 143.
Niemand darf dem Andern ins Wort fallen und der Sprecher hat es Jedem, der es thut zu verweisen.

§ 144.
Der Sprecher hat das Recht und die Pflicht, die Versammlung über jede Sache abzubrechen, wenn er glaubt, daß sie genug durchsprachen sei. Jedoch kann der Sprecher einem Angeklagten nie verbieten, seine Vertheidigungsgründe vorzutragen, selbst, wenn er glauben sollte, daß sie unerheblich, und die Sache schon genug durchsprachen sei.

§ 146.
Die Zeit der Versammlungen darf nicht übermäßig ausgedehnt werden. Zwei höchstens drei Stunden sind ihr Maß. Dringende Fälle müssen freilich Ausnahmen begründen.

§ 147.
So wie Jeder verpflichtet ist, der Achtung vor der Versammlung gemäß zu reden, so werden auch Beleidigungen unter Einzelnen in denselben nicht geduldet. Der Beleidigte hat die, ihm widerfahrene Kränkung dem Sprecher anzuzeigen, der den Beleidiger sogleich fragt, ob er habe beleidigen wollen und wenn dieß der Fall ist, ihn zurücknehmen läßt und ihm einen öffentlichen Verweis gibt. Auf gleiche Weise wird verfahren, wenn in den Versammlungen des Vorstandes und Ausschusses Persönlichkeiten vorfallen, sowohl unter Vorstehern als solchen und Zuhörern. Dasselbe gilt in den Abtheilungen.
Eintritt in die Burschenschaft und Austritt aus derselben.


§ 169.
Der Aufzunehmende muß folgende Eigenschaften in sich vereinigen:
a) Er muß ein Teutscher sein, d.h. er muß teutsch sprechen und sich zum teutschen Volke bekennen.
b) Er muß ein Christ sein.
c) Er muß ehrenhaft sein, d.h. es muß ihm weder aus dem bürgerlichen Leben, noch nach Burschen-Ansicht ein Makel anhängen.
d) Er darf nicht in irgend einer Verbindung sein, deren Gesetze und Zwecke mit den Gesetzen und Zwecken der Burschenschaft in Widerspruch stehn.
e) Er muß wenigstens schon ein Vierteljahr Bursch gewesen sein.

§ 173
Die Aufnahme geschieht auf folgende Weise:
Nach einer Anrede des Sprechers an die Aufzunehmenden, die vor der Versammlung sitzen, werden ihnen vom Schreiber die Aufnahmsworte langsam und deutlich vorgelesen, und nachdem sie die ihnen vorgelegten Fragen mit: ia!
beantwortet haben, ­geben sie auf dieselben ihr Ehrenwort in die Hand des Sprechers.

§ 174
Die Aufnahmsworte sind folgende:
Ihr steht vor dieser ehrenwerthen Versammlung, um das feierliche Gelübde abzulegen, das Euch in unsre Mitte fühlt. Ich, als Schreiber, frage Euch, N. N. im Namen der Jenaischen Burschenschaft feierlich und öffentlich: Habt Ihr erkannt den Sinn und Geist, der in den Gesetzen unserer Urkunde lebt? Habt Ihr erkannt den Sinn und Geist, der unser Grundgesetz belebt und ihm Kraft und Ansehen gibt? Bekennt Ihr Euch zum Volke der Teutschen und erkennt Ihr, daß ohne teutsches Leben, ohne innige Theilnahme an dem allgemeinen Wohl und Wehe unsers Vaterlandes auch unsere Burschenschaft nach ihrem Zwecke nicht bestehen könne? Erklärt Ihr, daß in den Grundgesetzen der Jenaischen Burschenschaft Ihr Eure Grundsätze wiederfindet; daß Ihr das Grundgesetz und das Leben der Burschenschaft nach Außen und Innen vertheidigen wollet mit Leib und Leben; daß Ihr, wie mit der Burschenschaft, so mit dem teutschen Volke stehen und fallen wollet? – Nun so gebt Euer Ehrenwort in die Hand des Sprechers!

§ 175
Durch die Abgabe ihres Ehrenworts sind die Aufzunehmenden Mitglieder der Burschenschaft geworden und werden von dem Augenblick an als solche behandelt (…).

Verhältniß der Mitglieder untereinander.

§ 193
Das Verhältniß der Mitglieder zu einander ist vollkommen gleich und es darf durchaus kein Schein von Unterordnung Statt finden.

§ 194
Aller Unterschied der Geburt fällt gänzlich hinweg und jedes Mitglied ist gehalten, das andre als seinen Bruder anzusehn, als mit ihm nach gleichem Zwecke strebend.

§ 195
Um das engere Band der Eintracht und Brüderlichkeit zu bezeichnen, nennen sich alle Burschenschaftsmitglieder „Du“.

§ 197
Der einzige Unterschied der unter den Burschenschaftsmitgliedern gemacht werden kann, ist der, den größre oder geringre Erfahrenheit natürlich begründet. Daher erhalten die Mitglieder erst im zweiten Halbjahr ihres Burschenlebens entscheidende Stimme in der Burschenschaft.

§ 199
Dieser Unterschied darf aber nicht zur Zurücksetzung eines jüngern Burschen hinter einen ältern führen; denn nur der innere Werth des Einzelnen, nicht die Zahl seiner Burschenjahre, soll gelten.


__________________________________________

erschienen in: academicus 38, Mai 2015