Carl Horn, Heinrich Riemann, Carl Scheidler

Die Gründer der Burschenschaft

 

von Prof. Dr. Peter Kaupp

Die Gründung der Burschenschaft erfolgte im thüringischen Jena. Vor 200 Jahren, am 10. Juni 1815, wurden durch Anschlag am Schwarzen Brett der Universität Jena „alle ehrenwerten Studenten“ eingeladen, sich am 12. Juni um 9 Uhr vormittags auf dem Jenaer Markt zu versammeln. Dem Aufruf folgten auch die Landsmannschaften mit ihren alten Fahnen, die sich bereits am 29. Mai 1815 nach erbitterten internen Auseinandersetzungen aufgelöst hatten, sowie die Renoncen und Finken. Die Stadtmusik voran zog man durch die Stadt über die Brücke zur Camsdorfer Gastwirtschaft „Grüne Tanne“. Feierlich erklang hier zum ersten Mal das von dem Studenten Georg Friedrich Hanitsch nach einem Text von Ernst Moritz Arndt vertonte Lied „Sind wir vereint zur guten Stunde“. Anschließend hielt der Mecklenburger Theologiestudent Karl Horn eine Ansprache, in der er die allgemeinen Ziele der Burschenschaft darlegte. Mit dem Senken der Fahnen der Landsmannschaften Vandalia, Thuringia, Franconia und Curonia wurde symbolisch die Zustimmung zur Gründung der „Burschenschaft“ gegeben. Anschließend wurde die von Wilhelm Peter Kaffenberger und Johann Carl Heinrichs entworfene Verfassung vorgelesen. Vorlage dafür waren insbesondere die Konstitution der Vandalia und die „Ordnung und Einrichtung der Deutschen Burschenschaft“ (1810/11) von Friedrich Ludwig Jahn und Friedrich Friesen. Nach allgemeiner Zustimmung traten 113 Studenten als Mitglieder der Burschenschaft zusammen. Wie in der Verfassung vorgesehen, wurden außerdem neun Vorsteher, an der Spitze Carl Horn als erster Sprecher, sowie 21 Ausschussmänner gewählt. Damit war die Gründung formal abgeschlossen. Die lokale und regionale Presse nahm davon keine Notiz, eine Darstellung der Gründung gibt es nicht.
Als Farben wählte die junge Burschenschaft nach den Uniformfarben des Lützowschen Freikorps, an dem zahlreiche ihrer Gründer im Kampf gegen Napoleon teilgenommen hatten, Rot und Schwarz. Eine Fahne wurde bei der Gründung nicht mitgeführt. Eine sehr schlichte rot-schwarze, goldumsäumte Fahne – heute im Besitz der Burgkellerburschenschaft in Jena – wurde wahrscheinlich erst am 18. Oktober 1815 (anlässlich der Feier zur Erinnerung an den Sieg von Belle Alliance, den Einzug in Paris und die Völkerschlacht bei Leipzig), mit Sicherheit aber – durch ein zeitgenössisches koloriertes Stammbuchblatt belegt – am 18. bis 21. Januar 1816 (anlässlich des „Friedensfestes“) in Jena verwendet. Schwarz-Rot-Gold, nach dem Vorbild der französischen Trikolore, entstand erst nach dem Hambacher Fest von 1832. Der ursprüngliche Wahlspruch der Burschenschaft „Dem Biedern Ehre und Achtung“ wurde 1816 durch den von der Halleschen Teutonia übernommenen Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ abgelöst.
Über die Mitglieder der Jenaer Urburschenschaft 1815–1819 sind wir durch das erhaltene, ebenfalls im Besitz der Burschenschaft Arminia a.d.B. befindliche Stammbuch gut unterrichtet, besser als über die Folgezeit, als, um der „Demagogenverfolgung“ zu entgehen, oft keine Mitgliederverzeichnisse angelegt, diese versteckt oder sogar vernichtet wurden. Prominentestes Mitglied der Jenaischen Urburschenschaft war Ernst von Schiller (1796–1841), jüngerer Sohn des Dichters Friedrich von Schiller und Mitglied der Landsmannschaft Vandalia.
Als Hauptgründer der Jenaischen Burschenschaft gelten Heinrich Riemann, Carl Otto Horn und Carl Hermann Scheidler (alle zuvor Angehörige des Lützowschen Freikorps), obwohl Riemann kurz vor Ostern 1815 wieder in das Freikorps zurückkehrte und deshalb beim eigentlichen Gründungsakt nicht dabei war. Ihre Porträts sind auf dem von Karl Donndorf gestalteten, 1883 festlich eingeweihten, 2011 leider schwer beschädigten und heute noch in Restauration befindlichen Burschenschafterdenkmal vor der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu erkennen.


CARL OTTO HORN
(1794–1879)
Carl Otto Albert Horn wurde am 11. Januar 1794 in Neustrelitz/Mecklenburg als Sohn eines Geheimen Legations- und Konsularrats geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums seiner Heimatstadt studierte er ab 1812 in Jena evangelische Theologie und Philosophie. Seit 1812 Mitglied der mecklenburgischen Landsmannschaft Vandalia (1815 letzter Senior), schloss er sich dem Lützowschen Freikorps an, war mit Theodor Körner befreundet und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 1815 wurde er zu einem der neun Vorsteher und zum ersten Sprecher der Burschenschaft gewählt. Nach Studienabschluss wirkte er 1816–1818 als Hauslehrer in seiner Heimat, ab 1819 als Prorektor und Dritter Lehrer (vor allem für Geschichte und Turnen, „Turnwart”) am Gymnasium zu Friedland/Mecklenburg. Wie Riemann war er dort Lehrer von Fritz Reuter, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Demagogischer Umtriebe verdächtigt, wurde er im März 1820 in Neustrelitz verhört. Von Januar 1826 bis Herbst 1874 wirkte er als Pfarrer in Badresch/Mecklenburg. Bei der 300-Jahrfeier der Universität Jena 1858 und dem 50-jährigen Jubiläum der Burschenschaft 1865 – bei dem er eine „Ansprache an die Festgenossen auf dem Eichplatz zu Jena den 15. August 1865“ hielt – warb er vergeblich für eine Vereinigung der drei Jenaischen Burschenschaften. Anlässlich seines Amtsjubiläums am 18. Juni 1869 wurde Horn zum Kirchenrat ernannt und von den Burschenschaften mit einer Glückwunschadresse sowie mit einem massiv silbernen Eichenkranz in Goldplattierung mit der Widmung „dem alten Horn die deutsche Burschenschaft zum 18. Juni 1869“ geehrt. 1874 legte Carl Horn sein Amt nieder und übersiedelte nach Neubrandenburg, wo er fünf Jahre später, am 8. April 1879, verstarb.


HEINRICH HERMANN ­RIEMANN (1793–1872)
Heinrich Hermann (auch Herrmann oder Arminius) Riemann wurde am 5. Dezember 1793 als Sohn eines evangelisch-lutherischen Geistlichen, Lehrers und zuletzt Rektors der Domschule in Ratzeburg geboren. Nach dem Besuch der Domschule seiner Vaterstadt (Klassenbester) und des Katharineums in Lübeck studierte er ab 1812 evangelische Theologie in Jena. Als Freiwilliger beteiligte auch er sich im Lützowschen Freikorps am Befreiungskrieg, bei dem er den Tod und die Beisetzung Theodor Körners erlebte.
Michaelis, 1814 nach Jena zurückgekehrt und aktives Mitglied der Wehrschaft, war insbesondere mit Horn in lebenslanger Freundschaft verbunden. Kurz nach Ostern 1815 kehrte er als Leutnant der Paderborner Landwehr zurück in den Krieg, wurde in der Schlacht bei Ligny verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 1816 kehrte er zurück nach Jena und setzte sein Studium fort. Vorstandsmitglied und Sprecher der Burschenschaft, galt er als „bedeutendster Jenaer Burschenschaftsstudent der Jahre 1816 bis 1818“ (Günter Steiger). Riemann war Initiator zahlreicher Reformen, insbesondere des Duellwesens, sowie eindrucksvoller Hauptredner beim Wartburgfest 1817. Im Wintersemester 1817/18 verfasste er auf Anregung seines Lehrers Heinrich Luden und unter Verwendung eines „Vorschlags“ des Kieler Arztes Franz Hermann Hegewisch zusammen mit Karl Müller das bürgerlich-liberale Grundsatzprogramm des Wartburgfestes, die ungedruckten „Grundsätze und Beschlüsse des 18. Octobers“. Außerdem war er maßgeblich an der Gründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft auf dem 2. Burschentag in Jena 1818 beteiligt.
1818–1821 Privatlehrer in Boizenburg/Elbe, wurde er dort 1819 im Zuge der ersten Demagogenverfolgung verhaftet. Nach vier Wochen Untersuchungshaft in Schwerin wurden die Untersuchungen eingestellt, er selbst freigesprochen, aber bis 1821 polizeilicher Kontrolle und Verhören unterworfen. Nach kurzer Tätigkeit als Hauslehrer bei dem Buchhändler Friedrich Perthes in Hamburg und vergeblichen Bemühungen um Anstellung im Hamburger Staatsdienst wirkte er als Gymnasiallehrer 1821–1827 in Eutin und 1828–835 in Friedland, das durch ihn, Carl Horn und Johann Karl Konrad Heinrichs bald zu einem Zentrum burschenschaftlichen Geistes und patriotischen Turnens wurde. Sein berühmtester Schüler war Fritz Reuter, der ihm in „Hanne Nütes Abschied vom Pastor“ ein literarisches Denkmal setzte.
1835–1872 Pastor an der St. Marienkirche in Friedland, war er 1848–1849 demokratischer Abgeordneter des außerordentlichen Landtags beider Mecklenburg(s), wo er sich insbesondere für die Belange der Bauern und die Abschaffung der Prügelstrafe in den Schulen einsetzte. 1849 erklärte er sich mit dem Badischen Aufstand solidarisch. In Verdacht geraten, „auf den Umsturz der bestehenden Verhältnisse hinzuarbeiten“, war er mehrfach (ergebnislosen) Hausuntersuchungen unterworfen. 1865 beteiligte er sich mit seiner Familie an der 50-Jahrfeier der Burschenschaft in Jena. 1866 kandidierte er erfolglos als Abgeordneter für den Norddeutschen Reichstag. 1871 bejahte er die Reichsgründung, hielt jedoch für die Zukunft eine deutsche Republik für erstrebenswert.
Hochgeehrt verstarb Heinrich Hermann Riemann am 26. Januar 1872 in Friedland. Von seinen Veröffentlichungen sind die „Vollständige Anweisung zum Stoßfechten nach Kreußlers Grundsätzen“ (1834) und die „Schachverse statt handschriftlicher Mitteilungen“ (1858) hervorzuheben.


CARL ­HERMANN ­SCHEIDLER
(1795–1866)
Als Sohn eines Kammermusikers wurde Carl Hermann Scheidler am 8. Januar 1795 in Gotha geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Gotha 1813–1814 beteiligte auch er sich im Lützowschen Freikorps am Befreiungskrieg, in dem er sich ein Gehörleiden zuzog, das ihn zur Rückkehr zwang und später zu einer zunehmenden Schwerhörigkeit führte. Als begeisterter Schüler von Jakob Friedrich Fries studierte er ab 1814 Rechtswissenschaften in Jena, schloss sich dort der Landsmannschaft der Thüringer an (Senior) und war an den Beratungen über Jahns „Ordnung und Entwicklung der deutschen Burschenschaft“ beteiligt. Mitgründer der Jenaer Wehrschaft, galt er zu seiner Zeit als der beste Fechter Jenas.
Mit August Daniel von Binzer und anderen war er Mitglied eines burschenschaftlichen Gesangvereins, den auch Goethe und Großherzog Carl August kennenlernten, und mit Heinrich von Gagern befreundet. Er setzte sein Studium in Berlin fort, wo er engen Anschluss an Friedrich Ludwig Jahn fand, dessen Ansichten er in Jena propagierte. Beim Wartburgfest 1817 fungierte er als Oberaufseher, Burgvogt und Träger des Burschenschwertes. Am 18. Oktober 1817 eröffnete Scheidler die Versammlung und sorgte für eine Einigung unter den verschiedenen Parteien.
1818 trat er in den preußischen Staatsdienst ein. Seine Tätigkeit beim Oberlandesgericht in Naumburg/Saale musste er jedoch wegen zunehmender Schwerhörigkeit aufgeben. Nach seiner Habilitation in Philosophie und Staatswissenschaft 1821 in Jena wirkte er dort ab 1826 als außerordentlicher und von 1836 bis zu seinem Tod als ordentlicher Honorarprofessor der Philosophie (Anhänger der Philosophie von Fichte und Fries, Gegner von Hegel) und las auch über Hodegetik (Einführung in das Studium), Psychologie, Politik und Pädagogik. Noch als Dozent ein begeisterter Fechter („rapportierte oft mit Studenten auf öffentlichem Markte“) votierte er 1829 mit seiner Schrift „Ueber die Abschaffung des Duells unter den Studirenden“ entschieden für die Einschränkung des Duells und für den Ersatz des gefährlichen Stoß- durch den Hiebkomment. 1847 war er einer der Hauptförderer der Progressbewegung in Jena. Mit Horn und Riemann beteiligte er sich am 350-jährigen Universitätsjubiläum 1858 und am 50-jährigen Jubiläumsfest der Jenaer Burschenschaft 1865.
Scheidler entfaltete eine ausgedehnte publizistische Tätigkeit, veröffentlichte mehr als 70 Bücher und Einzelschriften sowie zahlreiche Artikel in Zeitschriften und Sammelwerken, insbesondere über Hochschul­pädagogik und Universitätswesen.
Carl Hermann Scheidler starb am 22. Oktober 1866 in Jena. Sein Grab befindet sich auf dem Johannisfriedhof der Stadt Jena. Als einziges Grab eines Mitgründers der Jenaischen Burschenschaft wird es sicher auch im Jubiläumsjahr 2015 von zahlreichen Burschenschaftern besucht werden.



DER URSPRUNG DER BURSCHENSCHAFT

Die Burschenschaft hat ihren Ursprung in den Befreiungskriegen gegen Napoleon I. zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ihre geistigen Vorbilder fand sie in dem patriotischen Schriftsteller Ernst Moritz Arndt, dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte und dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn. Zur körperlichen und moralischen Stärkung vor allem der akademischen Jugend fanden 1810 u. a. von Jahn geleitete Turnübungen auf der Hasenheide bei Berlin statt. Zusammen mit Karl Friedrich Friesen entwarf er 1811 den ersten Plan für eine „Ordnung und Einrichtung von Burschenschaften“. 1814 begannen in Jena die militärischen Übungen der „Wehrschaft“. Besonderen Einfluss auf die akademische Jugend hatten 1807/08 Fichtes im damals von den Franzosen besetzten Berlin gehaltene „Reden an die deutsche Nation“. Hand in Hand mit der nationalen Begeisterung gingen die Bemühungen um eine sittliche Verbesserung der damals oft ziemlich „verwilderten“ Studentenschaft, deren Ziel und Zweck sich oft in Zechen, Fechten, Glücksspiel und Schuldenmachen erschöpfte.
Unter diesen Einflüssen entstanden im Wintersemester des Jahres 1814/15 „reformierte“ Landsmannschaften, die burschenschaftliche Ziele vorwegnahmen: die Hallesche, die Tübinger und die Breslauer „Teutonia“. Daneben wurde in Gießen eine „Teutsche Lesegesellschaft zur Erreichung vaterländisch-wissenschaftlicher Zwecke“ und in Heidelberg eine „Teutsche Lesegesellschaft“ gegründet. Das eigentlich Neue der Burschenschaft lag weniger in einer Umbildung des studentischen Lebens; entsprechende Reformen hatten bereits einige „neue“ Landsmannschaften eingeleitet. Das eigentlich Neue und bis heute Verpflichtende lag darin, dass sie das Volk und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen, die Erziehung von freien, sittlichen und opferbereiten Persönlichkeiten sowie die Überwindung der kleinstaatlichen Zersplitterung Deutschlands in den Mittelpunkt des studentischen Lebens stellte.
Schon die Einleitung der Verfassung von 1815 lässt – ganz im Sprachstil jener Zeit – die patriotische ­Zielsetzung deutlich erkennen: „Nur solche Verbindungen, die auf den Geist gegründet sind, (...) der uns das sichern kann, was uns nächst Gott das Heiligste und Höchste sein soll, nämlich Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlands, nur solche Verbindungen sind an Universitäten zu dulden, und eine solche Verbindung benennen wir uns mit dem Namen einer Burschenschaft“. Ihr Ziel, alle Studierenden auf deutschen Universitäten in einer Verbindung zu vereinigen, hat die Burschenschaft jedoch nicht erreicht, nicht einmal in Jena.

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erschienen in: academicus 38, Mai 2015