Festtage in Jena

Symposium zu Burschenschaft und deutscher Einheit

 

von Marc-Oliver Schach, Brunsviga Göttingen (1996)

Das abgedeckte Wasserbecken machte das Volksbad zum Festsaal. (Foto: Anna Dabrowski)

200 Jahre Burschenschaft, 25 Jahre Wiedervereinigung, 300 Teilnehmer, 3.200 Euro Spendensumme – das sind die wichtigsten Kennzahlen der erfolgreichen Jubiläumsveranstaltungen der NeuenDB vom 3. bis 4. Oktober 2015 in Jena. Ein großes Fest für Verbandsbrüder und Gäste. Und ein großer Erfolg für unseren Verband unter schwierigen Rahmenbedingungen. Denn noch wenige Stunden vor dem Tag der Deutschen Einheit stand die zentrale Symposiumsveranstaltung aufgrund von Demonstrationen vor dem Veranstaltungsort Volksbad vor einer Absage.

2015 fielen mit der Gründung der Urburschenschaft 1815 und der deutschen Wiedervereinigung 1990 zwei aus burschenschaftlicher Sicht zentrale Jubiläen zusammen. Grund genug für die NeueDB, mit eigenen Festveranstaltungen im thüringischen Jena am Tag der Deutschen Einheit Farbe zu bekennen. Wenige Monate zuvor hatte bereits die Jenaische Burschenschaft der Gründung der Urburschenschaft 1815 mit eigenen Feierlichkeiten gedacht. Standen hier wie dort aber Festakte und Kommerse im Mittelpunkt, bildete bei uns ein Burschenschafter-Symposium das eigentliche „Herz“ der Jubiläumsfeier. Das Veranstaltungsmotto „Von ‚Ehre – Freiheit – Vaterland‘ zu ‚Integrität – Freiheit – Gemeinsinn‘ in Deutschland und Europa“ hatte bereits im Vorfeld für ein Raunen in den einschlägigen Sozialen Medien gesorgt – manche vermuteten dahinter nicht weniger als eine Abkehr von unserem Wahlspruch „Freiheit – Ehre – Vaterland“.

Podiumsdiskussion im Jenaer Rathaus (Foto: Anna Dabrowski)

Größere Kopfschmerzen als gewohnte Schmähungen aus dem konservativen Korporationsumfeld bereiteten dem Veranstaltungskomitee um Rüdiger Sturhan (Alemannia Marburg) und Dr. Rüdiger Fiedler (Frankonia Gießen) hingegen drei für den Samstagvormittag angemeldete Demonstrationen und eine Gegendemonstration rund um das Jenaer Volksbad. Zum einen hatten rechte Gruppierungen zu Protestmärschen gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik aufgerufen. Zum anderen hatte eine breite Koalition eine Gegendemonstration angemeldet. Dank des schnellen Agierens unseres Veranstaltungskomitees und farbenbrüderlicher Unterstützung vor Ort gelang ein kurzfristiger Umzug ins Jenaer Rathaus. So kam es trotz Warnungen der Sicherheitsbehörden nicht zur befürchteten Konfrontation mit Verbindungsgegnern.

 

Die gut 150 Teilnehmer unseres Symposiums konnten sich am neuen Veranstaltungsort, der Rathausdiele des Jenaer Rathauses, davon überzeugen, dass der provokante Veranstaltungstitel die Diskussion um die zeitgemäße Auslegung des zentralen burschenschaftlichen Wertekanons stimulierte, statt den Wahlspruch zur Disposition zu stellen. Fünf vorzügliche Referate spannten den Bogen von der Geschichte der Urburschenschaft über die aktuelle Situation an den deutschen Universitäten bis zu theologischen und politischen Überlegungen zur gerechten Gesellschaft in Deutschland und Europa.

 

 

Die Chargen der scheidenden und der neuen Vorsitzenden auf dem Festkommers (Foto: Anna Dabrowski)

Die einführenden studentenhistorischen Betrachtungen unseres Waffenbruders Prof. Dr. Peter Kaupp (Arminia adB Jena) und von Dr. Helma Brunck führten den Teilnehmern einmal mehr die unverminderte Aktualität der urburschenschaftlichen Werte vor Augen. Dr. Michael Hinz, Alter Herr der Arminia Marburg und Universitätskanzler a. D., verwies auf den Konflikt zwischen Gleichheit und Freiheit. Dieser prägte die heutige Bildungs- und Universitätspolitik ebenso wie er die Französische Revolution mit ihrem „egalité, liberté, fraternité“ vom burschenschaftlichen „Freiheit, Ehre, Vaterland“ unterschieden habe. Unter Applaus des Publikums beharrte Vbr. Dr. Hinz auf dem Primat der Freiheit. Die Religionswissenschaftlerin PD Dr. Anne Käfer von der Uni Tübingen schloss an das Thema Gerechtigkeit mit einer Zusammenfassung der aktuellen ökumenischen Sozialinitiative von EKD und Katholischer Bischofskonferenz an. Der Vorsitzende der Paneuropa Jugend, Franziskus Posselt, bildete den Abschluss mit einem flammenden Plädoyer für Vereinigte Staaten von Europa – auch er erhielt viel Zustimmung. Daran schloss sich die Podiumsdiskussion an, an der neben den Referenten die beiden Heinrich-Luden-Preisträger Serhat Sarikaya und Vitaly Krusch teilnahmen. Unter der umsichtigen Moderation der Verbandsbrüder Rüdiger Sturhan und Wolfgang Rode wurde deutlich, wie wichtig gerade Integrität und Gemeinsinn in Zeiten der Flüchtlingskrise sind – und dass diese schon heute von NeueDB-Burschenschaftern aktiv gelebt werden.

Gut besuchter Jubiläumskommers (Foto: Anna Dabrowski)

Am Abend des Tags der Deutschen Einheit fand dann der große Festkommers zu 25 Jahren Wiedervereinigung im mit rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut gefüllten Volksbad statt. Die Teilnahme von weiblichen Gästen wirkte bereichernd. Der Heinrich-Luden-Preis 2015 wurde feierlich an Marco Schneider von der Burschenschaft Arminia Marburg verliehen. Festredner vor den mehr als 300 Teilnehmern und Teilnehmerinnen war Prof. Dr. Klaus Hänsch, Präsident des Europäischen Parlaments a. D. Seine lange, mit vielen Anekdoten und einem Plädoyer für die europäische Integration versehene Rede sorgte immer wieder für zustimmende Akklamation. Unter der Leitung der Hannoverschen Burschenschaft Teutonia nahm die Veranstaltung einen würdigen Verlauf.

Einen besonderen Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Übergabe einer Spende in Höhe von insgesamt 3.200 Euro an die Flüchtlingshilfe der „Bürgerstiftung Zwischenraum Jena“. So viel war im Rahmen einer Sammlung im Wochenendverlauf und der einmaligen Umwidmung unserer Jahresspende zusammengekommen. Bastian Borck von der Bürgerstiftung nahm den Betrag aus der Hand des neu gewählten Vorsitzenden Dr. Wolfgang von Wiese mit Dank entgegen. Er kündigte an, dass der Betrag für diverse Integrationsmaßnahmen, vor allem zur kulturellen und sprachlichen Orientierung durch Freiwillige, verwendet würde.

Viel Gesprächsstoff also für den fröhlichen Ausklang der Jubiläumsfeierlichkeiten in der „Grünen Tanne“ am folgenden Morgen an der Saale hellem Strande. Und viele Gedankenanstöße über den Tag hinaus, wie wir als liberale Burschenschafter in der NeuenDB unsere Werte immer wieder zeitgemäß interpretieren und mit Leben füllen können.

__________________________________________

erschienen in: academicus 39, November 2015