Jeder für sich und die „Antifa“ gegen alle?

von Stefan Hug, Landsmannschaft Ghibellinia Tübingen (1991)

Schlagende blicken auf Nichtschlagende herab, Farbentragende auf Nichtfarbentragende, Männerbünde auf gemischtgeschlechtliche und Frauenbünde, Verbindungen mit Trinkzwang auf jene ohne. Das ist nur ein Aspekt der Identitätsbildung in einzelnen Verbindungen und Verbänden. Die Abgrenzung von anderen Korporationen und Dachorganisationen ist ein notwendiger Bestandteil dieser Identitätsfindung. Oft traten neue Verbände dadurch hervor, dass sie als Abspaltungen aus anderen, älteren Verbänden entstanden – die Geschichte der NeuenDB ist das beste Beispiel dafür.

 

Dieses Konkurrenzdenken, diese Rivalitäten und gegenseitigen Abgrenzungen stammen aus einer Zeit, als die Verbindungsstudenten den überwiegenden Teil der Studentenschaft ausmachten. Die Nichtkorporierten, „Wilde“, „Freistudenten“, wurden eher belächelt und bemitleidet. Die großen Dachverbände der Studentenverbindungen spiegelten oft gesellschaftliche Bruchlinien der Deutschen wider: zum Beispiel Protestanten hier, Katholiken da.

 

Aber können wir uns solche Animositäten noch leisten? Haben wir nicht größere Probleme? Seit Ende der sechziger Jahre haben wir uns auf unseren Häusern eingebunkert und schmoren im eigenen Saft. Jeder für sich und die  Antifa gegen alle.

Automatisch ein Feind

 

Für Korporationsgegner gibt es keine „guten Verbindungen“! Ihnen ist es egal, ob ihre Zielobjekte katholisch oder evangelisch sind, ob sie sich demonstrativ für unpolitisch erklären oder sich der Pflege des Deutschtums verschreiben, Mensuren schlagen oder „nur“ singen oder Sport treiben: Das Mitglied einer Studentenverbindung ist automatisch ein Feind.

 

Innerhalb der breiten Front dieser Korporationsgegner ist es dann nebensächlich, ob man Marxist ist oder Trotzkist oder Leninist, ob man verwöhntes Bürgersöhnchen mit linksradikaler Ideologie ist oder dumpfer Berufsdemonstrant, der sich daran erfreut, Verbindungshäuser mit Farbbeuteln zu bewerfen – einig sind sie sich in diesen Aktionen alle und man wird vergeblich danach suchen, dass sich eine korporationskritische Gruppierung von einer anderen, gewalttätigeren abgrenzt – der Zweck heiligt in ihren Augen die Mittel.

 

Es gab und gibt Versuche von liberaleren Verbindungen (oder auch von Corps), sich durch öffentliche Abgrenzung von Korporationen mit massiven Rechtstendenzen zu „entlasten“. Diese Versuche scheitern regelmäßig, weil die Gegenseite eben nicht wie erwartet differenziert. Solche Verbindungen bekommen allenfalls bescheinigt, etwas weniger schlimm zu sein, am Gesamturteil der Korporationsgegner ändert dies wenig. Und solche demonstrativen Distanzierungen sind letztlich, auch wenn sie inhaltlich begründet sein mögen, für den Zusammenhalt der Verbindungen eher kontraproduktiv.

 

Auf der anderen Seite des Spektrums ist zu konstatieren: Wer sich besonders „steil“ nur allein dadurch vorkommt, dass er andere Korporationen in einem betont ­konservativen Gestus stets abwertet, unterminiert den potenziell möglichen besseren Zusammenhalt der Verbindungen nicht weniger.

Verbindendes betonen

 

Auch in Zukunft wird es notwendig sein, dass jede einzelne Verbindung und jeder Verband ihren Charakter dadurch erhalten, dass sie ein eigenes, unverwechselbares Profil besitzen. Aber wir sollten daran arbeiten, den abweisenden und absoluten Charakter dieser Profilschärfung auszumerzen, etwa durch eine Verstärkung des korporativen Miteinanders. Dies sollte gezielt auch in einer nichtkorporierten Öffentlichkeit stattfinden (wie beispielsweise die Frühschoppen in Marburg und Tübingen), um das Bewusstsein für Gemeinsamkeiten zu steigern und Versuchungen zum „Knattern“, „Pieseln“ oder wie man es sonst nennen möchte möglichst zu unterbinden, denen man leichter erliegt, wenn man unter sich ist. Es wäre ein zusätzlicher und willkommener Effekt, wenn dadurch die Korporationen den öffentlichen Raum ein Stück weit zurückerobern könnten.

 

Selbst wenn es nicht dazu kommen würde, wäre es bereits ein wesentlicher Fortschritt, wenn sich in jeder Universitätsstadt ein korporations- und verbandsübergreifendes Gremium bildete, das als Plattform für gemeinsames Agieren gegenüber Stadtverwaltung und Universitätsleitung dient und schon auf dieser Arbeitsebene das Bewusstsein für korporatives Miteinander schärft.

 

So existiert in Tübingen der AKTV (Arbeitskreis Tübinger Verbindungen), der bereits ein Buch über Tübinger Verbindungshäuser herausgegeben, den Bürgerfrühschoppen eingeführt und engagiert den Spielraum der Korporationen im universitären Raum vergrößert hat; etwa beim „Dies Universitatis“, dem Universitätstag, an dem sich studentische Gruppen auf dem Gelände der Universität den Studenten und der Öffentlichkeit präsentieren.

 

Grundlage für gemeinsames Handeln muss sein, dass man sich zuerst auf einer möglichst großen Basis einigt und vorbehaltlos Studentenverbindungen als Lebensbünde mit Conventsprinzip definiert, unter Einschluss von gemischtgeschlechtlichen und Frauenbünden.

 

Übertriebene Abgrenzung und verächtliche Abwertung sollten wir uns künftig nur noch jenen Bünden gegenüber leisten, die sich dem korporativen Miteinander verschließen.

 

 

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erschienen in: academicus 35, Nov. 2013